Die heimlich Gutes tun

20. Dezember 2010

Marita Haibach hat es wieder auf den Punkt gebracht: Philanthropie ist in Deutschland noch immer eine weitgehend private Tugend. Selbst im Familien- und Freundeskreis ist es unüblich, darüber zu reden, ob und wieviel jemand für welchen Zweck spendet. Im Zeitalter der globalen Kommunikation und der damit gewachsenen Transparenz auch über Vermögen ist stilles Mäzenatentum überholt. Spendenvorbilder bewirken auch  hierzulande das Mit- und Nachziehen anderer Spender. man denke nur an den Boom der Stiftungsgründungen. Die Freude am Spenden und der Spendenkuchen wachsen, wenn es sich dabei um eine Aktivität handelt, über die man spricht und sich austauscht.

Die Anonymität ist in der Tat ein Problem. Niemand will den Neid der anderen und die Aufmerksamkeit der Finanzämter auf sich ziehen. Wer viel spendet, so auch Marita, muss in Deutschland fürchten, dass er deswegen öffentlich „auseinander genommen“ wird. Alle müssen außerdem fürchten, dass sie mit Spendenbitten überschüttet werden. Das allerdings scheint mir kein großes Problem zu sein, weil man ja auch höflich nein sagen kann. Am Besten sagt man Nein unter Hinweis auf Aktivitäten, die man bereits sichtbar und nachweisbar finanziert.

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Lästiges Telefonmarketing

20. Dezember 2010

Telefonmarketing will gelernt sein. Wie oft bekomme ich Anrufe, in denen mir für Spenden gedankt wird. Danach folgt fast mechanisch die Frage, ob meine Adresse noch stimmt, vielleicht auch die nach dem Geburtsjahr.  Und dann kommt ebenso regelmäßig die Frage, ob ich nicht noch mehr geben wolle. „Sie spenden für …  jetzt 150 Euro im Jahr. Aber der Winter ist so kalt, die Heizkosten für die Erdbebenopfer auf Haiti so hoch und das Leben so teuer, dass wir Sie fragen möchten, ob es nicht ein bisschen mehr sein kann,“ bittet die freundliche Stimme am anderen Ende, die mir gerade noch gedankt hat und jetzt schon eine ganze Spur weinerlicher klingt. Das Leben wird auch bei mir teurer, und dass die Leute in Haiti jetzt frieren müssen, kann ich aus langjährigem Aufenthalt ganz in der Nähe der von Katastrophen geschüttelten Insel nicht recht nachvollziehen. Ich sage also erstmal nein.

Wie einfach wäre es doch gewesen, mir wirklich nur zu danken und mich zu fragen, ob ich noch Wünsche an … habe.

Manchmal wundere ich mich auch über den Dialekt der Anrufer. Manchmal ist er leicht sächselnd, manchmal klingt er nach Niederbayern. Für Leute im Frankfurter Raum wenig vertrauenserweckend. Warum nimmt man nicht einfach Leute aus dem Raum, in dem die Förderer wohnen? Oder Leute, die Hochdeutsch sprechen. Die Bereitschaft von Angerufenen, sich telefonische Werbung anzuhören, ist ohnehin gering. Warum muss man es ihnen dann auch noch schwer machen und der Organisation teuer?

Kein Spendenweltmeister

17. November 2010

Deutschland steht nur auf Platz 18 des World Giving Index, auf gleicher Höhe mit HongKong, Dänemark und Guinea und hinter Qatar, Guayana, Turkmenistan, Island, Malta, Sierra Leone, Laos, weit hinter Österreich (10), Vereinigtes Königreich (8), Niederlande (7), USA (5), Schweiz (5), Kanada (3), Irland (3), Neuseeland und Australien, jeweils Platz 1.

Veröffentlicht wird der Index von der britischen Charities Aid Foundation (CAF) in London, gestützt auf  die laufende Gallup’s WorldView
World Poll zu karitativem Verhalten bei über 15-Jährigen in 157 Ländern. Gefragt wird, ob der/die Befragte innerhalb des letzten Monats Geld an eine Organisation gespendet, Zeit für eine Organisation geopfert oder einem hilflosen Fremden, den er/sie zuvor nicht kannte, geholfen hat. Bei den Geldspenden wird auf die Frage nach der Spendenhöhe verzichtet, weil sonst die reichen Länder eh an der Spitze stehen würden. Aus dem Durchschnitt der Antworten wird der Index gebildet.

Die CAF gibt zu, dass jeder Index zum Spendenverhalten umstritten sein wird. Trotzdem ergeben sich zumindest Anhaltspunkte.

Interessant ist der Befund, dass es eine stärkere Korrelation zwischen der Zufriedenheit mit dem Leben und der Bereitschaft, Geld zu spenden, gibt als zwischen dem Wohlstand der Menschen und ihrer Gebefreudigkeit. Die Franzosen (Platz 100) und Griechen (Platz 147) müssen besonders unglückliche Leute sein.

Die Gebefreudigkeit nimmt mit dem Alter überall zu; bekannt ist auch, dass der Anteil der Frauen, die Geld geben, größer ist als der der Männer, jedoch anteilmäßig meht Männer Freizeit für gute Zwecke opfern als Frauen – jedenfalls im Weltdurschnitt.

Eine bemerkenswerte Studie, die noch viel mehr bietet, herunterzuladen unter http://is.gd/hiEfO

Der Paritätische fordert gleiche Verpflichtung für alle zur Transparenz

31. Oktober 2010

Der Paritätische Gesamtverband ist in Sachen Transparenz schon immer eigene Wege gegangen. Jetzt fordert er gesetzliche Vorgaben für gemeinnützige Organisationen zur Herstellung einer gewissen Transparenz nach einheitlichen Maßstäben. Das ist auch meiner Meinung nach das Einzige, was unserer deutschen NPO-Szene zu mehr Transparenz verhelfen würde. Man hätte von allen wenigstens die Grunddaten parat.

Hier der in der Zeitschrift „Der Paritätische“ 5/2010 Ende Oktober 2010 veröffentlichte Vorstoß:

Der Paritätische Gesamtverband hat Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) aufgefordert, eine Gesetzesinitiative zur wirtschaftlichen Transparenz gemeinnütziger Organisationen auf den Weg zu bringen und damit Generalverdächtigungen der Misswirtschaft in der sozialen Arbeit ein Ende zu setzen. Der Verband schlägt vor, die im Handelsrecht bewährten Rechnungslegungs- und Publizitätspflichten für gewerbliche Unternehmen auf gemeinnützige Organisationen zu übertragen.

Die Veröffentlichung der Finanzdaten im elektronischen Bundesanzeiger sei ein praktikabler Weg, um die notwendige Transparenz zu gewährleisten, betonte Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen, in einem Brief an die Ministerin, in dem er auf die Debatte um die wirtschaftliche Transparenz von Vereinen und Stiftungen einging, die durch einzelne Skandale in der jüngsten Vergangenheit ausgelöst wurde. Diese Debatte führe zu einem unerträglichen Generalverdacht, der alle gemeinnützigen Organisationen treffe, die korrekt und verantwortungsbewusst mit Spenden, Zuwendungen und Fördermitteln umgingen und mit ihrer Arbeit einen unverzichtbaren Beitrag zum Gemeinwohl leisteten, so der Justiziar. Freiwillige Selbstverpflichtungen könnten dieses Problem nicht lösen. „Keine noch so gut gemeinte und noch so ausführliche freiwillige Selbstauskunft wird den öffentlich geschürten Verdacht und das aus Spenderund Steuerzahlersicht nachvollziehbare Misstrauen ausräumen können, dass private und öffentliche Gelder im Namen der Gemeinnützigkeit ineffizient oder nicht ordnungsgemäß verwendet werden könnten.“

Der Paritätische schlägt vor, die im Handelsrecht gesetzlich geregelten Rechnungslegungs- und Publizitätspflichten auf Vereine und Stiftungen zu übertragen. Gewerbliche Unternehmen und gemeinnützige Organisationen mit erheblichen Umsätzen sollten bezüglich der Offenlegung ihrer Finanzdaten gleich behandelt werden. Um kleine ehrenamtliche Vereine nicht zu überfordern, sei dabei eine Untergrenze einzuziehen. Eine Anwendung des Handelsgesetzbuches würde zugleich verhindern, dass gemeinnützige Organisationen mehr Daten offenlegen müssen als gewerbliche Träger. „Die Wettbewerbsgleichheit zu beachten, ist im Bereich der Leistungserbringung zum Beispiel bei Pflegeeinrichtungen sehr wichtig“, so Hesse.

Muskelspiele

16. August 2010

Die von vielen NPOs kritisierte Umsatzsteuer auf Postdienstleistungen ist am 1. Juli offiziell in Kraft getreten. Dazu lese ich gerade Folgendes in „FundStücke“, dem Online-Dienst für Mitglieder des Deutschen Fundraising Verbands: „Der Deutsche Fundraising Verband hat die Bundesregierung wiederholt mit Lobby-Briefen und einer Pressemitteilung auf die schwerwiegenden Auswirkungen für die Arbeit des Dritten Sektors in Deutschland aufmerksam gemacht. Bislang ohne Erfolg. Nichtsdestotrotz führt der DFRV weiterhin intensive Gespräche mit Vertretern der Bundesregierung und des Bundestags und tritt für eine Ausnahmeregelung der Nonprofit-Organisationen ein.“

Das wird die Bundesregierung maßlos beeindrucken, vor allem wenn „weiterhin intensive Gespräche“ angedroht werden, die offenbar noch garnicht stattgefunden haben, weil sich der Verband aufs Briefeschreiben und auf eine Pressemitteilung am Vorabend der entscheidenden Beschlussfassungen von Bundestag und Bundesrat beschränkt hat.

Der DFRV ist zwar in Berlin gelandet, aber offenbar noch nicht angekommen.

Die Positivliste

16. August 2010

264 nachweisbar förderungswürdige Spendenorganisationen haben nunmehr das Spenden-Siegel des DZI. Bemerkenswertester der Neuzugänge, die im jüngsten Spenden-Siegel-Bulletin 1/10 vermerkt sind, ist der CVJM-Gesamtverband in Kassel. UNICEF Deutschland ist noch nicht zurückgekehrt. „Durchschnittlich ca. 30% der Erstanträge auf Zuerkennung des Spenden-Siegels haben keinen Erfolg. Diese im deutschen Spendenwesen einzigartige Positivliste kann beim DZI schriftlich unter Beifügung von 3×55 Cent in Briefmarken bezogen werden,“ steht im von Tanja Ibrahim unterzeichneten Rundbrief vom 4. August. Für ganze 1,65 Euro plus Gang zum Briefkasten bekommt man also eine Liste mit Organisationen, denen man tunlichst nichts spenden sollte, bevor sie nicht versiegelt sind. Eine lohnende Investition.

Bild hilft sich selbst

16. August 2010

„Bild hilft – Ein Herz für Kinder“, die vom Axel-Springer-Verlag initiierte Charity-Organisation, liegt im Clinch mit dem DZI. Kostensparend soll auf das Spenden-Siegel auch weiterhin verzichtet werden, obwohl die Siegelkosten Peanuts sind im Vergleich zu dem, was bei der alljährlichen Spendengala und bei laufenden Aktionen vor allem der Bild-Zeitung so zu sammenkommt. Das DZI wird als halbstaatliche Organisation eingestuft, was es nicht ist. Staatlich subvebtioniert ja, aber das sind alle Diakonischen Werke und Caritase auch, aber nicht staatlich. Und wenn das DZI halbstaatlich wäre und alle Spenden sammelnden Organisationen zur Abgabe von Berichten gesetzlich verpflichtet würden, sollten sie denn den Gemeinnützigkeitsstatus wünschen, wäre das auch nicht schlecht.

Schade dass der Druck seitens der Spender, was den Umgang mit ihren Spendengeldern angeht, so gering ist. Sie wollen sich der Illusion, Gutes zu tun, nicht durch die rauhe Wirklichkeit nehmen lassen.

Gut, was der Bild-Blog dazu schreibt.

Philanthropie ganz neu erfunden?

11. August 2010

„Die Aktion von Buffett und Gates wird nicht nur unsere Philanthropie, sondern auch unsere Gesellschaft insgesamt grundlegend verändern,“ meint Dr. Rupert Graf Strachwitz am 9. August 2010 in einem ersten Kommentar zur Absicht amerikanischer Milliardäre, den größten Teil ihres Vermögens guten Zwecken zu widmen. „Es steht zu erwarten, dass neue, technisch und gesellschaftlich moderne Formen der Philanthropie neben die klassische Stiftung treten werden,“ hofft er. Freiwilliges Handeln für die Gemeinschaft erhalte einen Stellenwert, den es seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gehabt habe. Schon jetzt Bedenken zu formulieren, gar vor dem neuen privaten Engagement zu warnen oder staatliches Handeln einzufordern, werde der „Wucht der Aktion der amerikanischen Milliardären sicher nicht gerecht“. Wohlfahrtsstaatlich-dirigistische Mechanismen taugten nicht. Eine neue Partnerschaft zwischen Zivilgesellschaft und Staat sei angesagt.
Freiwilligkeit habe eine neue Dimension bekommen. Auch Deutschland werde davon erfasst werden. Unsere Demokratie könne davon profitieren. Freiwilliges Handeln müsse freilich auch kompetent sein. Oft liege die Kompetenz bei denen, die über Engagement, aber gerade nicht über große finanzielle Mittel verfügen. Sie bildeten den Kern der Zivilgesellschaft und dürften von den Philanthropen nicht an die Wand gedrückt werden.

Man kann die Worte des Direktors des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin nur unterstreichen – auch wenn mir das Pathos nicht ganz so liegt – vor allem die durchschimmernde Sorge, dass mit Hilfe des großen Geldes das Gute gekauft, Expertentum aber vernachlässigt wird. Es ist ein alter Irrtum, dass sich menschliche Entwicklung kaufen lässt. Die Maxime aus den Siebzigerjahren etwa, dass die Industrieländer 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens bzw. Bruttosozialprodukts für öffentliche Entwicklungshilfe aufwenden sollen, führt in die Irre. Es kommt auf die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit vor Ort und den Willen der Hilfeempfänger an, sich selbst zu entwickeln und nicht zu Lasten der Menschen außerhalb ihrer Clans zu bereichern.

Es ist schon bezeichnend, dass sich die Milliardäre bei der Zuteilung ihrer Spenden weitgehend auf vorhandene staatliche und NGO-Strukturen stützen müssen. Natürlich könnte es sein, dass sie eines Tages eigene Wohltätigkeitsfirmen aufbauen und das Gute, das sie vollbringen wollen, selbst steuern. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sie genügend Verständnis und Geduld für das Funktionieren des Hilfemarktes aufbringen werden, dass sie die Mischung aus Selbstgefälligkeit, Aufopferungsbereitschaft, Bereicherung, Perfektionismus und platten Intrigen in den Griff bekommen werden, wenn sie einmal auf Heere von Freiwilligen angewiesen sind, die sie nicht per Befehl aus der Konzernzentrale steuern können, auf Menschen mit hoher Kompetenz, aber auch auf Blender, die ihnen bis in hohe Positionen dazwischenschlüpfen.

Trittbrettfahrer

10. August 2010

Der Deutsche Fundraising Verband (DFRV) diskutiert seit langem, ob er Fachverband werden oder Berufsverband bleiben soll. Berufsverband hin, Fachverband her. Welche Nachteile hat man eigentlich, wenn man nicht oder nicht mehr DFRV-Mitglied ist?  Zu meiner Zeit als Vorsitzender habe ich nicht nur die Namen der Eintretenden veröffentlicht, sondern auch die der Austretenden, meist mit Begründung: z.B. Austritt, Ausschluss, Berufsaufgabe, Berufswechsel, Wegzug ins Ausland, Tod. Mit dieser Transparenz haben meine Nachfolger Schluss gemacht, mit der Folge, dass Ausgetretenen und Ausgeschlossenen keine Nachteile entstehen, wenn sie sich den Beitrag sparen. Sie halten weiter Vorträge bei DFRV-Kongressen und Fachtagungen, zehren vom Know-how in Regional-, Fachgruppen und -ausschüssen, bekommen kostenlose PR in DFRV-Publikationen, veröffentlichen dort weiter Artikel, geben Interviews in DFRV-Publikationen und erteilen dem Verband gute Ratschläge. Wenn der einzige Vorteil der Mitgliedschaft darin besteht, ein paar Euro bei Fachveranstaltungen zu sparen, die eh von der Firma gezahlt werden, wird die Mitgliederzahl kaum nennenswert steigen. Gewerkschaften können ein Lied davon singen.

Der Verband braucht sich keine Gedanken zu machen, welche Vorteile eine Mitgliedschaft haben könnte, wenn Mitgliedschaft kein Privileg ist.

Die Menschen spenden gerne an die Kleinen

22. Juli 2010

Endlich mal wieder ein deutsches Fundraisingexperiment. Von wissenschaftlichen Untersuchungen des Spendenverhaltens der Deutschen hört man wenig. Um so interessanter ist das Experiment des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, über das in der Ausgabe 4/2010 des Fundraiser-Magazins berichtet wird. Die Teilnehmer durften selbst verdientes Geld spenden oder behalten. 33 Prozent behielten es. Ein signifikanter größerer Anteil der restlichen Beteiligten spendete für kleinere Organisationen. Bei den kleineren Organisationen hatten die Spender den Eindruck, dass sie die Spenden nötiger hätten als die Großen und dass ein größerer Anteil der Spende dem zugedachten Zweck zugute komme.

Die 223 Teilnehmenden im Alter von 18 bis 75 Jahren waren keine Studierenden oder aus dem akademischen Personal Ausgewählte, sondern in zufällig ausgewählten Haushalten Angeschriebene. Sie bekamen Geld für die Teilnahme an der Studie, mit der Möglichkeit, einen Teil rückzuspenden, was ja zwei Drittel auch taten.