Archive for the ‘Persönlichkeiten’ Category

Noelle-Neumann

30. März 2010
Was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich auf „die Noelle“ gehört. „Warum wollen Sie denn nicht in der Wissenschaft bleiben?“ fragte sie mich, als ich ihr 1976 nach halsbrecherisch überstandenem Magister-Stress Lebewohl sagte. Drei Jahre lang war ich Hiwi und dann noch ein Vierteljahr wissenschaftlicher Mitarbeiter bei ihr gewesen. Mir erschien eine Tätigkeit als Journalist aussichtsreicher als empirische Erbsenzählerei, denn zumindest darauf wäre eine Promotion bei ihr hinausgelaufen. Heute weiß ich, dass ich vielleicht doch lieber bei Forschung und Lehre hätte bleiben sollen. Nach wie vor freue ich mich jede Woche auf meinen Lehrauftrag an der Hochschule, allerdings nicht in Mainz, sondern in Darmstadt.
Nun ist Elisabeth Noelle-Neumann tot, starb mit 93 in ihrem Haus in Allensbach. In den vorösterlichen Tagen von 1974 hatte ich an ihrem Institut für Demoskopie im Bodensee-Städtchen sechs Wochen verbringen dürfen, ja müssen, denn ohne dieses Praktikum gab es auch keine Stelle am Institut für Publizistik in Mainz, jedenfalls nicht in der Wissenschaft. Ihr Chauffeur Wilke, nicht verwandt mit dem gleichnamigen Publizistik-Professor, war dort Self-made-IT-Spezialist, der die mit Lochkarten gefütterten Computer bearbeitete. Ihr engster Mitarbeiter Friedrich Tennstädt leitete die Abteilung „Aufbereitung und Auswertung“. Professor Gerhard Schmidtchen, Ordinarius an der Universität Zürich, stand bei Noelle-Neumann noch in Gnaden, und es wurde sogar gemunkelt, dass er einmal ihr Nachfolger würde. Vielleicht hat ihn das mit der Pythia vom Bodensee entzweit, vielleicht auch nicht. Das mit der Pythia habe ich übrigens mal in einem Proseminar scherzhaft erwähnt; die Studenten lachten, und sie auch.
Frau von Milczewski („Milo“), hager und 24 Stunden dienstbereit, war Sekretärin in Allensbach und rechte Hand der Vielbeschäftigten; Annelore Dudel waltete in Mainz mit ähnlicher Hingabe. Was wäre die große Noelle ohne sie gewesen? Oder ohne Hans Mathias Kepplinger, einen ihrer Assistenten und späteren Nachfolger als Ordinarius in Mainz, der damals, zu meinem Studienbeginn 1968, noch aufmüpfig mit roter SPD-Nadel am Revers und allzeit schüchtern gesenktem Blick flott durch den Campus lief, oder die anderen Assistenten, Jürgen Wilke und Winfried Schulz, später ebenfalls Ordinarien von Rang, oder Reinhart Ricker, promovierter Jurist, der sich dann noch ein volles Publizistikstudium zumutete, um einer der führenden Medienrechtler in Deutschland zu werden, aber nicht bevor er eingesehen hatte, dass er für eine politische Karriere nicht die nötige Geduld und Duldungsbereitschaft besaß.
Die Noelle war schon etwas Besonderes mit ihren Picassos in der Mainzer Zweitwohnung im Allianz-Hochhaus, dem Karmann Ghia, den sie am liebsten selbst fuhr, wenn sie zwischen Institut und Wohnung unterwegs war und keinen Fahrer hatte. In dieser Wohnung empfing sie auch gerne Gruppen von Studenten, die sie näher kennen lernen und wollte. Es gab auch immer ein Häppchen zu essen, warm und aus der Hand.
Sie war allen überlegen und hielt sich auf Distanz, auch zu ihren Professorenkollegen im Fachbereich, die ihr so manches Bein stellten. Bezeichnend ist ja, dass die Publizistik in Mainz von den Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern begründet wurde und lange dort angesiedelt war; die hatten mehr Verständnis für Noelles Doppelrolle als Lehrstuhlinhaberin und Unternehmerin. Ihre guten Beziehungen zu Kultusminister Vogel retteten gegen den Kollegenwiderstand die von ihr eingeführte postgraduierte Journalistenausbildung, so wie sie sie haben wollte, und etablierten Günther Gillessen als deren Leiter.
Für ihre wachsende Studentengemeinde hatte die Noelle wenig Zeit, was vor allem alle, die bei ihr promovieren wollten, zu spüren bekamen, und auch enge Mitarbeiter mussten oft genug lange auf der Treppe vor ihrem Zimmerchen in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften warten, in dem sie, wenn sie mal auf dem Campus war, immer noch residierte. Umso erstaunter war sie, wenn ein Student sie einfach unter seinen Regenschirm nahm und zur Vorlesung begleitete. „Und stellen Sie sich vor, er wollte mich nur einfach unterhalten,“ wunderte sie sich mir gegenüber.
Nicht immer fand sie Zeit, sich auf Vorlesungen oder Übungen vorzubereiten. Beim Vorlesen hatte sie große Routine, bei den Übungen oder Proseminaren kam hin und wieder früh um sechs Uhr ein Anruf: Herr Müllerleile, könnten Sie nicht heute früh die Übung übernehmen? Ich war dann selbst erst um zwei ins Bett gegangen. Und wenn sie mich dann morgens übernächtigt sah, sagte sie: „Herr Müllerleile, ein wichtiges Erfolgsrezept ist, ausgeschlafen zu sein. Sorgen Sie immer für genügend Schlaf.“ Dafür hat sie mir beim Dekanat den Abgabetermin für meine Magisterarbeit auch klaglos zweimal verlängern lassen.
Just diese Magisterarbeit über „Die Entwicklung der Tagespresse in Rheinland-Pfalz von 1964 bis 1975“ hatte mich überzeugt, dass ich vielleicht gut und viel schreiben, aber nicht abstrakt genug denken und formulieren kann. Noelle wollte sie mit „sehr gut“ bewerten, zeigte sie aber noch einmal ihrem Kollegen Walter J. Schütz, dem Erfinder der Stichtagsammlungen, mit deren Hilfe sich wunderbare Statistiken zur Konzentration in der Tagespresse aufstellen ließen. Auch ich hatte eine kleine Stichtagsammlung angelegt, Schütz aber vorher nicht gefragt und mir einige Abweichungen von seinem Modell gestattet. „Anfangs liest sich die Arbeit ganz vielversprechend“ begann so ungefähr Schütz’ schriftliche Stellungnahme, die mir Noelle vorlas. So wurde die „sehr gut“ halt zur „gut“, und ich floh zu Eduard Zimmermann und seiner Deutschen Kriminal-Fachredaktion ins nahe Finthen, wo „Aktenzeichen XY…ungelöst“ und „Vorsicht Falle“, zwei erfolgreiche ZDF-Reihen, produziert wurden.
Noelle-Neumann bin ich später noch hin und wieder begegnet, bei Jubiläen, Johannisnächten der Publizisten, Vorträgen. Einmal sind wir uns auch im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn, der CDU-Bundesgeschäftsstelle, über den Weg gelaufen. Es war der Wahlabend einer wichtigen Wahl, welcher weiß ich nicht mehr genau, und Allensbach hatte eine Fehlprognose abgegeben. Sie tauchte plötzlich im Hause auf und suchte nach Helmut Kohl, um ihm die Gründe dafür zu erklären. Kohl ließ sich aber nicht blicken und sprechen. Er saß als damaliger Oppositionsführer ohnehin meist im Bundeshaus. Ich konnte ihr nicht helfen, schickte sie aber zum wartenden Pressepulk. Noelle hatte für den Rest des Wahlabends Gelegenheit, ihren guten Ruf vor laufender Kamera zu verteidigen.
Mit Annelore Dudel, die später das Institut verließ, um in den Mainzer Unikliniken zu arbeiten, habe ich mich über das Phänomen Noelle unterhalten, auch darüber, warum der Dank an viele ihrer verdienten Mitarbeiter in ihren 2006 erschienenen „Erinnerungen“ ausbleibt und sie über die Institutsbesetzungen im Januar 1971 immer noch verbittert ist. Wir fanden keine Antwort. Sie wird sie uns auch nicht mehr geben können. Requiescat in pace.

Was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich auf „die Noelle“ gehört. „Warum wollen Sie denn nicht in der Wissenschaft bleiben?“ fragte sie mich, als ich ihr 1976 nach halsbrecherisch überstandenem Magister-Stress Lebewohl sagte. Drei Jahre lang war ich Hiwi und dann noch ein Vierteljahr wissenschaftlicher Mitarbeiter bei ihr gewesen. Mir erschien eine Tätigkeit als Journalist aussichtsreicher als empirische Erbsenzählerei, denn zumindest darauf wäre eine Promotion bei ihr hinausgelaufen. Heute weiß ich, dass ich vielleicht doch lieber bei Forschung und Lehre hätte bleiben sollen. Nach wie vor freue ich mich jede Woche auf meinen Lehrauftrag an der Hochschule, allerdings nicht in Mainz, sondern in Darmstadt. Nun ist Elisabeth Noelle-Neumann tot, starb mit 93 in ihrem Haus in Allensbach. In den vorösterlichen Tagen von 1974 hatte ich an ihrem Institut für Demoskopie im Bodensee-Städtchen sechs Wochen verbringen dürfen, ja müssen, denn ohne dieses Praktikum gab es auch keine Stelle am Institut für Publizistik in Mainz, jedenfalls nicht in der Wissenschaft. Ihr Chauffeur Wilke, nicht verwandt mit dem gleichnamigen Publizistik-Professor, war dort Self-made-IT-Spezialist, der die mit Lochkarten gefütterten Computer bearbeitete. Ihr engster Mitarbeiter Friedrich Tennstädt leitete die Abteilung „Aufbereitung und Auswertung“. Professor Gerhard Schmidtchen, Ordinarius an der Universität Zürich, stand bei Noelle-Neumann noch in Gnaden, und es wurde sogar gemunkelt, dass er einmal ihr Nachfolger würde. Vielleicht hat ihn das mit der Pythia vom Bodensee entzweit, vielleicht auch nicht. Das mit der Pythia habe ich übrigens mal in einem Proseminar scherzhaft erwähnt; die Studenten lachten, und sie auch.Fräulein von Milczewski, hager und 24 Stunden dienstbereit, war Sekretärin in Allensbach und rechte Hand der Vielbeschäftigten; Annelore Dudel waltete in Mainz mit ähnlicher Hingabe. Was wäre die große Noelle ohne sie gewesen? Oder ohne Hans Mathias Kepplinger, einen ihrer Assistenten und späteren Nachfolger als Ordinarius in Mainz, der damals, zu meinem Studienbeginn 1968, noch aufmüpfig mit roter SPD-Nadel am Revers und allzeit schüchtern gesenktem Blick flott durch den Campus lief, oder die anderen Assistenten, Jürgen Wilke und Winfried Schulz, später ebenfalls Ordinarien von Rang, oder Reinhart Ricker, promovierter Jurist, der sich dann noch ein volles Publizistikstudium zumutete, um einer der führenden Medienrechtler in Deutschland zu werden, aber nicht bevor er eingesehen hatte, dass er für eine politische Karriere nicht die nötige Geduld und Duldungsbereitschaft besaß.Die Noelle war schon etwas Besonderes mit ihren Picassos in der Mainzer Zweitwohnung im Allianz-Hochhaus, dem Karmann Ghia, den sie am liebsten selbst fuhr, wenn sie zwischen Institut und Wohnung unterwegs war und keinen Fahrer hatte. In dieser Wohnung empfing sie auch gerne Gruppen von Studenten, die sie näher kennen lernen und wollte. Es gab auch immer ein Häppchen zu essen, warm und aus der Hand. Sie war allen überlegen und hielt sich auf Distanz, auch zu ihren Professorenkollegen im Fachbereich, die ihr so manches Bein stellten. Bezeichnend ist ja, dass die Publizistik in Mainz von den Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern begründet wurde und lange dort angesiedelt war; die hatten mehr Verständnis für Noelles Doppelrolle als Lehrstuhlinhaberin und Unternehmerin. Ihre guten Beziehungen zu Kultusminister Vogel retteten gegen den Kollegenwiderstand die von ihr eingeführte postgraduierte Journalistenausbildung, so wie sie sie haben wollte, und etablierten Günther Gillessen als deren Leiter.Für ihre wachsende Studentengemeinde hatte die Noelle wenig Zeit, was vor allem alle, die bei ihr promovieren wollten, zu spüren bekamen, und auch enge Mitarbeiter mussten oft genug lange auf der Treppe vor ihrem Zimmerchen in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften warten, in dem sie, wenn sie mal auf dem Campus war, immer noch residierte. Umso erstaunter war sie, wenn ein Student sie einfach unter seinen Regenschirm nahm und zur Vorlesung begleitete. „Und stellen Sie sich vor, er wollte mich nur einfach unterhalten,“ wunderte sie sich mir gegenüber.Nicht immer fand sie Zeit, sich auf Vorlesungen oder Übungen vorzubereiten. Beim Vorlesen hatte sie große Routine, bei den Übungen oder Proseminaren kam hin und wieder früh um sechs Uhr ein Anruf: Herr Müllerleile, könnten Sie nicht heute früh die Übung übernehmen? Ich war dann selbst erst um zwei ins Bett gegangen. Dafür hat sie mir beim Dekanat den Abgabetermin für meine Magisterarbeit auch klaglos zweimal verlängern lassen.Just diese Magisterarbeit über „Die Entwicklung der Tagespresse in Rheinland-Pfalz von 1964 bis 1975“ hatte mich überzeugt, dass ich vielleicht gut und viel schreiben, aber nicht abstrakt genug denken und formulieren kann. Noelle wollte sie mit „sehr gut“ bewerten, zeigte sie aber noch einmal ihrem Kollegen Walter J. Schütz, dem Erfinder der Stichtagsammlungen, mit deren Hilfe sich wunderbare Statistiken zur Konzentration in der Tagespresse aufstellen ließen. Auch ich hatte eine kleine Stichtagsammlung angelegt, Schütz aber vorher nicht gefragt und mir einige Abweichungen von seinem Modell gestattet. „Anfangs liest sich die Arbeit ganz vielversprechend“ begann so ungefähr Schütz’ schriftliche Stellungnahme, die mir Noelle vorlas. So wurde die „sehr gut“ halt zur „gut“, und ich floh zu Eduard Zimmermann und seiner Deutschen Kriminal-Fachredaktion ins nahe Finthen, wo „Aktenzeichen XY…ungelöst“ und „Vorsicht Falle“, zwei erfolgreiche ZDF-Reihen, produziert wurden.Noelle-Neumann bin ich später noch hin und wieder begegnet, bei Jubiläen, Johannisnächten der Publizisten, Vorträgen. Einmal sind wir uns auch im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn, der CDU-Bundesgeschäftsstelle, über den Weg gelaufen. Es war der Wahlabend einer wichtigen Wahl, welcher weiß ich nicht mehr genau, und Allensbach hatte eine Fehlprognose abgegeben. Sie tauchte plötzlich im Hause auf und suchte nach Helmut Kohl, um ihm die Gründe dafür zu erklären. Kohl ließ sich aber nicht blicken und sprechen. Er saß als damaliger Oppositionsführer ohnehin meist im Bundeshaus. Ich konnte ihr nicht helfen, schickte sie aber zum wartenden Pressepulk. Noelle hatte für den Rest des Wahlabends Gelegenheit, ihren guten Ruf vor laufender Kamera zu verteidigen.Mit Annelore Dudel, die später das Institut verließ, um in den Mainzer Unikliniken zu arbeiten, habe ich mich über das Phänomen Noelle unterhalten, auch darüber, warum der Dank an viele ihrer verdienten Mitarbeiter in ihren 2006 erschienenen „Erinnerungen“ ausbleibt und sie über die Institutsbesetzungen im Januar 1971 immer noch verbittert ist. Wir fanden keine Antwort. Sie wird sie uns auch nicht mehr geben können. Requiescat in pace.

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Alberto Vilar

8. März 2010

Mit dem Geld anderer Leute Gutes tun, und dann hinter Gitter wandern. Das hätte sich der vielunworbene Kulturmäzen nicht träumen lassen. http://derstandard.at/1263706921800/Kunstmaezen-Alberto-Vilar-verurteilt

Verluste

21. Oktober 2009

Wenn ich so die Mitgliederliste des Fundraising Verbands vom April 2009 mit der Anfang 2007 vergleiche, fehlen heute ein paar bedeutende Namen, zum Beispiel Anette Brücher-Herpel, Vorstandsmitglied und Fachgruppenvorsitzende, Dr. Peter-Claus Burens, ehemaliger Vorsitzender, Ursula Kapp-Barutzki, Gründungs- und langjähriges Vorstandsmitglied, die gefragten Experten Willibald Geueke und Arne Kasten, Patrick Tapp, langjähriges Vorstandsmitglied … So bald wie möglich sollte man sie wieder ins Boot holen. Mitgliederbindung ist schließlich unser Geschäft.

„Wir sind eine Einrichtung, die Geld vernichtet“

4. Oktober 2009

Reinhard Mohn ist am 3. Oktober im Alter von 88 Jahren gestorben. Der Bertelsmann-Patriarch hat versucht, Gewinnstreben und ethischen Anspruch zu vermählen, wie „Spiegel online“ schreibt. Einen Eindruck davon lieferte der Gründungspräsident der Privatuniversität Witten/Herdecke, Dr. Konrad Schily, am 26. April 2007 in seinem Vortrag  auf dem Deutschen Fundraising Kongress in Fulda. „Manchmal gibt es ein heftiges vordergründiges Wort, aber auch das kann zum Positiven führen,“ berichtete er. „Irgendwann schickte mir <der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank> Alfred Herrhausen  so eine Kurznotiz, ‚Witten/Herdecke scheint unordentlich abgerechnet zu werden, Herr Schily ändern Sie das. Gruß Herrhausen‘. Dann habe ich mich natürlich gefragt, wer ihm das gesteckt hat. Dass es unordentlich war bei uns im zweiten Jahr des Bestehens, das wusste ich auch. Aber ich wusste, wenn Herrhausen so einen Brief schreibt, und das nur in zwei Zeilen, wenn er nicht einmal schreibt mit ‚herzlichem‘ oder ‚freundlichem‘ Gruß sondern nur ‚Gruß Herrhausen‘, dann ist es ernst. Dann habe ich herumgefragt, und dann kam heraus: Es war Reinhard Mohn, der im Beirat der Deutschen Bank saß. Mit Reinhard Mohn hatte ich keine Beziehung, aber Reinhard Mohn hatte sich das alles von außen angeguckt und dem Herrhausen dann gesagt: Also ich verstehe nicht, dass Sie das so fördern; es ist alles ganz unordentlich. Und Herr Herrhausen hörte sehr stark auf Mohn, daher also der Zweizeiler.

Ich bekam dann heraus, dass Reinhard Mohn als Mitglied der Zeit-Stiftung – damals noch zu Lebzeiten von Bucerius – einen Vortrag eines Mitarbeiters von mir gehört hatte, und dieser Mitarbeiter war unerfahren im Fundraising. Er kam aus der Geschäftswelt. Der versuchte, dieser Stiftung irgendwie etwas zu verkaufen, denn er hatte ja bisher immer verkauft und nicht um Schenkungen geworben. Und Reinhard Mohn hatte natürlich gefragt: Was will der mir verkaufen? Das Urteil war: Da stimmt was nicht!

Nun ich habe bei Herrn Mohn angerufen. Seine Sekretärin hieß damals Kummer. Es war nicht leicht, Frau Kummer zu überzeugen, dass ich jetzt einen Termin brauchte. Und dann – lassen Sie mich das einschieben – braucht man Glück, wenn man in einem solchen Geschäft ist. Jeder, auch der Geschäftsmann, braucht Glück. In jeder Biographie werden Sie von glückhaften Momenten lesen. Diese glückhaften Momente treten nur dann ein, wenn man mit dem Willen ganz bei der Sache ist. <…>
Ich hatte also endlich meinen Termin mit Herrn Mohn. Es war wärmer als heute, so 30 Grad, und es war absoluter Pollenflug, und ich wusste, dass Herr Mohn gegen Pollen ziemlich allergisch ist. Ich fuhr von Witten aus nach Gütersloh, das sind so 100 Kilometer, und geriet vor Gütersloh in einen Militärtransport, der bewegte sich so langsam, wie Militärtransporte sich eben bewegen. Und die eingebaute halbe Stunde Pufferzeit verrann. Es gab noch keine Handys; man konnte nicht mal eben so telefonieren, ich hatte auch kein Autotelefon, und ich wusste: Du wirst zu spät kommen! Mein Gefühl war, wenn du jetzt eine halbe Stunde zu spät kommst, dann brauchst du gar nicht mehr hinzugehen. Wir sind eben unordentlich.

Ich kam also etwa fünfzig Minuten zu spät. Klimaanlage gab es auch nicht. Ich war total verschwitzt, rannte dann in dieses sehr noble Gebäude, wurde von einer wunderbaren Dame begrüßt am Empfang, die sagte: „Ich weiß nicht, ob Sie noch einen Termin bei Herrn Mohn kriegen, er hat alle seine Leute weggeschickt, aber bevor Sie dahin gehen, da rechts hinten können Sie Hände waschen und sich ein bisschen frisch machen.“ Dann bin ich zu Frau Kummer raufgerannt und habe gesagt: Militärtransport und ach du je und so weiter. Und dann sah ich noch ein Schild „Nichtraucher“ an der Tür von Herrn Mohn. Ich bin leidenschaftlicher Raucher und dachte, es kann alles nur schief gehen.

Frau Kummer sagte dann Bescheid, dass ich da sei. Herr Mohn kam heraus und sagte: Ja eigentlich sei der Termin ja nun vorbei, und er hätte seine Mitarbeiter auch alle weggeschickt. Worauf ich sagte: ‚Also Herr Mohn ich wollte ja nicht mit ihren Mitarbeitern reden, ich wollte mit Ihnen reden.‘ Und das war das absolute Glück, jetzt war das Eis gebrochen. Ich hatte ihm vorher noch Papiere geschickt, Planungspapiere, und nach dem zweiten oder dritten Satz von mir hob er diese Papiere hoch, ließ sie wieder fallen und sagte: ‚Das ist keine Planung‘. Dann dachte ich: Jetzt bist du in der Industrie, und jetzt kommt der mit Planung. Dann habe ich ihn gefragt: ‚Sagen Sie, Herr Mohn, was verstehen Sie jetzt unter Planung?‘ Habe ihm so ein bisschen erzählt, was ich bisher gemacht habe, und Krankenhaus ist auch ein bisschen kompliziert, und dann erläuterte er mir auf einem Handzettel, wie eigentlich ein solches Geschäftsmodell aussieht, wenn man eine Idee in die Welt bringt. Worauf ich ihm sagte: ‚Lieber Herr Mohn, Sie haben mir das jetzt so gut erklärt, bringen Sie uns das doch allgemein bei.‘ Da hat er gefragt: ‚Das würden Sie wollen?‘ Ich sagte: ‚Ja, mit Ihnen immer, aber bitte nicht mit Ihrem Konzern, denn wir sind kein Geschäft, wir sind eine Einrichtung, die Geld vernichtet.‘ <…>

Noch eine Geschichte die mir einfällt mit Reinhard Mohn. Reinhard Mohn und die Universität hatten dann anderthalb oder zwei Jahre zusammengearbeitet, und Reinhard Mohn hatte bis dahin keine D-Mark gespendet. Und irgendwann habe ich gesagt: ‚Herr Mohn, Sie wissen doch, dass ich ein Anthroposoph bin.‘ Da sagt er: ‚Ich weiß das, aber ich weiß nicht was das ist.‘ Dann sagte ich: ‚Es spielt auch keine Rolle. Es sind nette Leute, so wie ich. Aber der Steiner, der die Anthroposophen gegründet hat, der wusste, wo das Ich des Menschen sich befindet.‘ ‚Da bin ich aber gespannt,‘ meinte Mohn. Da sagte ich: ‚Herr Mohn, im Portemonnaie, denn was ich will, dafür zahle ich.‘ Worauf er mich anguckte und sagte: ‚Sind 50.000 D-Mark im Monat genug?‘ Es sind nachher mehr geworden.“

Eduard Zimmermann und der Weiße Ring

2. Oktober 2009

Am 19. September ist Eduard Zimmermann in München in einem Altersheim gestorben. Ich war 1976/77 in der Deutschen Kriminal-Fachredaktion, seiner Firma im Mainzer Stadtteil Finthen, persönlicher Assistent und Sendungsredakteur, bevor mich die CDU nach Bonn ins Konrad-Adenauer-Haus lockte.

Just in diese Zeit fiel die Gründung des „Weißen Rings“, der 1976 zunächst als „Weißes Kreuz“ beim Amtsgericht Mainz eingetragen wurde. Bei einem Blick in ein Lexikon stellte eines der damaligen Vorstandsmitglieder dann fest, dass das Weiße Kreuz schon für einen evangelischen Erweckungsverein stand, der zwar weitgehend unbekannt war, sich aber gegen eine bundesweite Organisation gleichen Namens mit Sicherheit zur Wehr gesetzt hätte. Bernd Funke,  Ehemann der Redaktionssekretärin und Redakteur der „Allgemeinen Zeitung“ in Mainz, kam auf den Namen „Weißer Ring“, und Zimmermanns Stellvertreter Peter Hohl malte gleich das Vereinssymbol auf ein Blatt Papier, das bis heute benutzt wird. Der Ring war auch viel neutraler als das christliche Kreuz.

Dass der Geschäftsmann Eduard Zimmermann einen gemeinnützigen Verein gründete, löste bei uns Redakteuren Stirnrunzeln aus; wir hatten den Eindruck, er wolle mit dem Verein seine langlebigen Sendungsreihen „Aktenzeichen XY…ungelöst“ und „Vorsicht Falle“ vor Kritikern, die es auch innerhalb des ZDF gab, retten. Dass daraus eine erfolgreiche Opferhilfeorganisation wurde, ist eine Erfolgsstory für sich. Zimmermann hoffte auf 10.000 Mitglieder. Der Verein hat heute rund 60.000 und sich sogar auf einige europäische Nachbarländer ausgedehnt.

Zimmermann gelang es, eine stattliche Riege von Polizeipräsidenten, Oberstaatsanwälten und höheren Ministerialbeamten um sich zu sammeln, die später auch im Ruhestand zur Verfügung standen und das Werk für die Sicherheitsbehörden seriös machten. Zimmermann brachte seine Prominenz als Fernsehmoderator, Buchautor und gelegentlicher Redner ein. Achtzehn Jahre lang führte er selbst den Vorsitz und wurde danach Ehrenvorsitzender. Im Oktober 2000 lieferte er gemeinsam mit dem Mitbegründer, Baden-Württembergs ehemaligem Polizeipräsidenten Alfred Stümper, dem damaligen Vorsitzenden Max Herberg  wegen angeblichem Spendenmissbrauchs eine Schlammschlacht. Die Delegierten beendeten das Vorstandsmandat von allen Dreien und erkannten Zimmermann den Ehrenvorsitz ab. Daraufhin trat er aus dem Verein aus. Eine wahrhaft tragische Wendung. In den offiziellen Analen des Vereins wird der Gründer eher verschämt erwähnt, das Zerwürfnis kaum erwähnt.

Zimmermann konnte ein begnadeter Spendensammler sein, wenigstens in den Anfängen des „Weißen Rings“; später finanzierte sich der Verein fast von alleine, schon durch die steigende Mitgliederzahl. Anfangs aber nutzte er Prominente als Türöffner, brachte natürlich auch seine eigene Bekanntheit mit ein. Aus eigenem Antrieb schrieb der damalige Sprecher der Deutschen Bank, Friedrich Wilhelm Christians, Briefe an Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, zum Beispiel Thyssen und Mannesmann, mit der Bitte, Eduard Zimmermann ein paar Minuten ihrer Zeit zu widmen. Zimmermann suchte sie auf und nahm von jedem eine ganz ordentliche Summe mit, reale Spenden, mit denen der Verein seine Geschäftsstelle aufbauen und Mitarbeiter einstellen konnte. Dann brauchte nur noch in der Sendung kräftig für den Opferhilfeverein geworben zu werden und die Polizei dafür zu sorgen, dass der Kontakt zu den örtlichen Beauftragten des Weißen Rings nicht abriss, und schon hatte der Verein fast ein bundesweites Monopol, das von keiner Parallel- oder Gegengründung, von denen es einige gab, mehr eingeholt wurde.

Mitverantwortlich für den Erfolg des Vereins war auch der langjährige Generalsekretär Dieter Eppenstein, der vom Roten Kreuz zum Weißen Ring kam und später in den Strudel der Auseinandersetzungen um Zimmermann geriet und mehr oder minder freiwillig ausschied. Eppenstein wurde auch als streitbarer und umstrittener Vorsitzender des Deutschen Spendenrats bekannt. CM

Kießling ist tot – seine Verleumder leben

29. August 2009

General a. D. Günter Kießling ist tot. „Kießlings Name wurde zum Synonym für eine der peinlichsten deutschen Politaffären“, schreibt die „Welt“ heute. „Dass der westdeutsche Militärische Abschirmdienst (MAD) seinen unrühmlichen Anteil daran hatte, ist unstrittig. Nicht gänzlich geklärt ist, ob die Stasi die Desinformationen über vermeintliche homosexuelle Umtriebe Kießlings lancierte. Der damalige Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) schenkte ihnen jedenfalls anfänglich Glauben.“ Dabei nahm Wörner auch Zuflucht zu zweifelhaften Gestalten der homosexuellen Szene und bekam „erdrückende Beweise“ aus den Kölner Lokalen „Tom Tom“ und „Café Wüsten“, die sich als haltlos herausstellten. Kießling war offenbar einer Verwechselung zum Opfer gefallen, möglicherweise auch einer Stasi-Intrige. Der MAD aber sah sich in der Pflicht, seine „Zeugen“ in Sicherheit zu bringen. Einer davon lebt jetzt als „Wohltäter“ im Ausland und sammelte zumindest zeitweise eifrig Spenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In seinen Memoiren steht wenig über diesen dunklen Teil seiner Vergangenheit. Und es besteht auch wenig Interesse an Aufklärung, solange der Mann nicht wieder in der deutschen Spendenszene auftaucht. Wenn aber doch, dann wird von Interesse sein, wer dem prozessfreudigen Mann öffentlich Fragen stellt.

Fundraiser mit Einfluss

14. August 2009
Professionelle Fundraiser entwickeln sich zu ganz eigenständigen Persönlichkeiten, die sogar „Einfluss“ haben können. Alljährlich fragt das britische Fachmagazin „Professional Fundraising“ die Fundraisingwelt in Großbritannien, wer denn die zurzeit einflussreichste Person im Fundraising sei. Daraus ergibt sich dann ein Ranking von 50 offenbar bekannten Leuten. In diesem Jahr ist die Zahl der Consultants, die es unter die Top 50 geschafft haben, auf 19 geklettert, gegenüber 15 im Vorjahr. Die meisten anderen sind Angestellte von NGOs, und die werden im Schnitt weitaus mehr als einflussreich bewertet als die Berater.
Natürlich gibt es auch ein paar Einflussreiche, meist Consultants, die sich auch auf deutschen Kongressen oder dem Internationalen Kongress im niederländischen Noordwijkerhout tummeln, zum Beispiel Alan Clayton von der Good Agency auf Platz 11 (Vorjahr Platz 7), der eine tolle Show liefert, alles in bestem Schottisch, und der sich in seiner Agentur „Director of Innovation“ nennt. Auf Platz 19 landete Bernard Ross von The Management Center, der gerade ein bezeichnendes Buch über „The Influential Fundraiser“ geschrieben hat. Das bewahrte ihn allerdings nicht davor, von Platz 10 abzurutschen. Howard Lake, Verleger, schaffte es auf Platz 25 (16). Altmeister Ken Burnett kletterte von Platz 41 im Vorjahr auf 27, Tony Elischer dagegen stieg von Platz 6 auf 30 ab.
Auf Platz 1 setzten die britischen Fundraiser erstmals schlicht den „Donor“, den Spender selbst also, der angeblich am meisten Einfluss auf das Fundraising hat. Nun ist jeder natürlich gespannt, wie der Sieger im nächsten Jahr abschneidet.
Professionelle Fundraiser entwickeln sich zu ganz eigenständigen Persönlichkeiten, die sogar „Einfluss“ haben können. Alljährlich fragt das britische Fachmagazin „Professional Fundraising“ die Fundraisingwelt in Großbritannien, wer denn die zurzeit einflussreichste Person im Fundraising sei. Daraus ergibt sich dann ein Ranking von 50 offenbar bekannten Leuten. In diesem Jahr ist die Zahl der Consultants, die es unter die Top 50 geschafft haben, auf 19 geklettert, gegenüber 15 im Vorjahr. Die meisten anderen sind Angestellte von NGOs, und die werden im Schnitt weitaus mehr als einflussreich bewertet als die Berater.
Natürlich gibt es auch ein paar Einflussreiche, meist Consultants, die sich auch auf deutschen Kongressen oder dem Internationalen Kongress im niederländischen Noordwijkerhout tummeln, zum Beispiel Alan Clayton von der Good Agency auf Platz 11 (Vorjahr Platz 7), der eine tolle Show liefert, alles in bestem Schottisch, und der sich in seiner Agentur „Director of Innovation“ nennt. Auf Platz 19 landete Bernard Ross von The Management Center, der gerade ein bezeichnendes Buch über „The Influential Fundraiser“ geschrieben hat. Das bewahrte ihn allerdings nicht davor, von Platz 10 abzurutschen. Howard Lake, Verleger, schaffte es auf Platz 25 (16). Altmeister Ken Burnett kletterte von Platz 41 im Vorjahr auf 27, Tony Elischer dagegen stieg von Platz 6 auf 30 ab.
Auf Platz 1 setzten die britischen Fundraiser erstmals schlicht den „Donor“, den Spender selbst also, der angeblich am meisten Einfluss auf das Fundraising hat. Nun ist jeder natürlich gespannt, wie der Sieger im nächsten Jahr abschneidet.