Philanthropie ganz neu erfunden?

„Die Aktion von Buffett und Gates wird nicht nur unsere Philanthropie, sondern auch unsere Gesellschaft insgesamt grundlegend verändern,“ meint Dr. Rupert Graf Strachwitz am 9. August 2010 in einem ersten Kommentar zur Absicht amerikanischer Milliardäre, den größten Teil ihres Vermögens guten Zwecken zu widmen. „Es steht zu erwarten, dass neue, technisch und gesellschaftlich moderne Formen der Philanthropie neben die klassische Stiftung treten werden,“ hofft er. Freiwilliges Handeln für die Gemeinschaft erhalte einen Stellenwert, den es seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gehabt habe. Schon jetzt Bedenken zu formulieren, gar vor dem neuen privaten Engagement zu warnen oder staatliches Handeln einzufordern, werde der „Wucht der Aktion der amerikanischen Milliardären sicher nicht gerecht“. Wohlfahrtsstaatlich-dirigistische Mechanismen taugten nicht. Eine neue Partnerschaft zwischen Zivilgesellschaft und Staat sei angesagt.
Freiwilligkeit habe eine neue Dimension bekommen. Auch Deutschland werde davon erfasst werden. Unsere Demokratie könne davon profitieren. Freiwilliges Handeln müsse freilich auch kompetent sein. Oft liege die Kompetenz bei denen, die über Engagement, aber gerade nicht über große finanzielle Mittel verfügen. Sie bildeten den Kern der Zivilgesellschaft und dürften von den Philanthropen nicht an die Wand gedrückt werden.

Man kann die Worte des Direktors des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin nur unterstreichen – auch wenn mir das Pathos nicht ganz so liegt – vor allem die durchschimmernde Sorge, dass mit Hilfe des großen Geldes das Gute gekauft, Expertentum aber vernachlässigt wird. Es ist ein alter Irrtum, dass sich menschliche Entwicklung kaufen lässt. Die Maxime aus den Siebzigerjahren etwa, dass die Industrieländer 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens bzw. Bruttosozialprodukts für öffentliche Entwicklungshilfe aufwenden sollen, führt in die Irre. Es kommt auf die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit vor Ort und den Willen der Hilfeempfänger an, sich selbst zu entwickeln und nicht zu Lasten der Menschen außerhalb ihrer Clans zu bereichern.

Es ist schon bezeichnend, dass sich die Milliardäre bei der Zuteilung ihrer Spenden weitgehend auf vorhandene staatliche und NGO-Strukturen stützen müssen. Natürlich könnte es sein, dass sie eines Tages eigene Wohltätigkeitsfirmen aufbauen und das Gute, das sie vollbringen wollen, selbst steuern. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sie genügend Verständnis und Geduld für das Funktionieren des Hilfemarktes aufbringen werden, dass sie die Mischung aus Selbstgefälligkeit, Aufopferungsbereitschaft, Bereicherung, Perfektionismus und platten Intrigen in den Griff bekommen werden, wenn sie einmal auf Heere von Freiwilligen angewiesen sind, die sie nicht per Befehl aus der Konzernzentrale steuern können, auf Menschen mit hoher Kompetenz, aber auch auf Blender, die ihnen bis in hohe Positionen dazwischenschlüpfen.

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2 Antworten to “Philanthropie ganz neu erfunden?”

  1. Basti Schwiecker Says:

    Hallo Herr Müllerleile!

    Besten Dank für diesen Kommentar zur Givingpledge-Aktion und eine Frage zum letzten Absatz. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich diesen richtig verstehe. Würden Sie denn beispielsweise die Gates-Stiftung als Teil der vorhandenen NGO-Struktur bezeichnen? Wenn nein, was wären denn dann die Beispiele, dass sich besagte Milliardäre weitgehend auf vorhandenes verlassen? Auch würde mich interessieren, woher Ihre Skepsis stammt, dass es den Herren (es sind ja erschreckender Weise nur Herren) an Verständnis und Geduld mangelt. Nach meinem, zugegeben begrenzten Kenntnisstand, muss zumindest die Gates-Stiftung den Vergleich mit etablierteren Einrichtungen nicht scheuen.

    Viele Grüße,

    Basti Schwiecker

  2. fundraisingbeobachter Says:

    Hallo Herr Schwiecker,

    Gates, Buffett und die meisten Großspender bauen keine eigenen operativen Helferstrukturen auf, sondern nur Verteilmechanismen. Die Gates-Stiftung ist eine NGO wie andere auch, aber eben eine fördernde. Das Geld aus der Stiftung wird von Auftragsfirmen, häufig NGOs, zu Hilfeleistungen verarbeitet. Die Wohltäter reisen durch die Welt und präsentieren sich mit ihren dankbaren Hilfeobjekten, gerne unschuldigen Kindern. Das ist an und für sich nichts Schlechtes. Von solchen Leuten können ganze Hilfeindustrien leben.

    Der Mangel an Geduld erfolgs- und befehlsgewohnter Tycoons zeigt sich schon bei der Kritik an überkommenen Helferstrukturen. Den Spender-Milliardären geht es mit dem Fortschritt in der Gesundheits-, Bildungs- und Kulturförderung nie schnell genug, denn ständig sterben Menschen, ist irgendetwas in Gefahr. Das Tempo, das sie in die Hilfe bringen, mag in vielen Fällen, zum Beispiel bei akuten Katastrophen, heilsam sein. In den meisten Fällen ist Hilfe mit dem Brecheisen nicht besonders nachhaltig. Man könnte ja auch Milliarden an notleidende deutsche Rentner verteilen, ohne dass viel davon zu spüren wäre. Selbst größte Summen können nutzlos versickern und sogar kontraproduktiv wirken.

    Gruß
    Christoph Müllerleile

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