Archive for August 2010

Muskelspiele

16. August 2010

Die von vielen NPOs kritisierte Umsatzsteuer auf Postdienstleistungen ist am 1. Juli offiziell in Kraft getreten. Dazu lese ich gerade Folgendes in „FundStücke“, dem Online-Dienst für Mitglieder des Deutschen Fundraising Verbands: „Der Deutsche Fundraising Verband hat die Bundesregierung wiederholt mit Lobby-Briefen und einer Pressemitteilung auf die schwerwiegenden Auswirkungen für die Arbeit des Dritten Sektors in Deutschland aufmerksam gemacht. Bislang ohne Erfolg. Nichtsdestotrotz führt der DFRV weiterhin intensive Gespräche mit Vertretern der Bundesregierung und des Bundestags und tritt für eine Ausnahmeregelung der Nonprofit-Organisationen ein.“

Das wird die Bundesregierung maßlos beeindrucken, vor allem wenn „weiterhin intensive Gespräche“ angedroht werden, die offenbar noch garnicht stattgefunden haben, weil sich der Verband aufs Briefeschreiben und auf eine Pressemitteilung am Vorabend der entscheidenden Beschlussfassungen von Bundestag und Bundesrat beschränkt hat.

Der DFRV ist zwar in Berlin gelandet, aber offenbar noch nicht angekommen.

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Die Positivliste

16. August 2010

264 nachweisbar förderungswürdige Spendenorganisationen haben nunmehr das Spenden-Siegel des DZI. Bemerkenswertester der Neuzugänge, die im jüngsten Spenden-Siegel-Bulletin 1/10 vermerkt sind, ist der CVJM-Gesamtverband in Kassel. UNICEF Deutschland ist noch nicht zurückgekehrt. „Durchschnittlich ca. 30% der Erstanträge auf Zuerkennung des Spenden-Siegels haben keinen Erfolg. Diese im deutschen Spendenwesen einzigartige Positivliste kann beim DZI schriftlich unter Beifügung von 3×55 Cent in Briefmarken bezogen werden,“ steht im von Tanja Ibrahim unterzeichneten Rundbrief vom 4. August. Für ganze 1,65 Euro plus Gang zum Briefkasten bekommt man also eine Liste mit Organisationen, denen man tunlichst nichts spenden sollte, bevor sie nicht versiegelt sind. Eine lohnende Investition.

Bild hilft sich selbst

16. August 2010

„Bild hilft – Ein Herz für Kinder“, die vom Axel-Springer-Verlag initiierte Charity-Organisation, liegt im Clinch mit dem DZI. Kostensparend soll auf das Spenden-Siegel auch weiterhin verzichtet werden, obwohl die Siegelkosten Peanuts sind im Vergleich zu dem, was bei der alljährlichen Spendengala und bei laufenden Aktionen vor allem der Bild-Zeitung so zu sammenkommt. Das DZI wird als halbstaatliche Organisation eingestuft, was es nicht ist. Staatlich subvebtioniert ja, aber das sind alle Diakonischen Werke und Caritase auch, aber nicht staatlich. Und wenn das DZI halbstaatlich wäre und alle Spenden sammelnden Organisationen zur Abgabe von Berichten gesetzlich verpflichtet würden, sollten sie denn den Gemeinnützigkeitsstatus wünschen, wäre das auch nicht schlecht.

Schade dass der Druck seitens der Spender, was den Umgang mit ihren Spendengeldern angeht, so gering ist. Sie wollen sich der Illusion, Gutes zu tun, nicht durch die rauhe Wirklichkeit nehmen lassen.

Gut, was der Bild-Blog dazu schreibt.

Philanthropie ganz neu erfunden?

11. August 2010

„Die Aktion von Buffett und Gates wird nicht nur unsere Philanthropie, sondern auch unsere Gesellschaft insgesamt grundlegend verändern,“ meint Dr. Rupert Graf Strachwitz am 9. August 2010 in einem ersten Kommentar zur Absicht amerikanischer Milliardäre, den größten Teil ihres Vermögens guten Zwecken zu widmen. „Es steht zu erwarten, dass neue, technisch und gesellschaftlich moderne Formen der Philanthropie neben die klassische Stiftung treten werden,“ hofft er. Freiwilliges Handeln für die Gemeinschaft erhalte einen Stellenwert, den es seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gehabt habe. Schon jetzt Bedenken zu formulieren, gar vor dem neuen privaten Engagement zu warnen oder staatliches Handeln einzufordern, werde der „Wucht der Aktion der amerikanischen Milliardären sicher nicht gerecht“. Wohlfahrtsstaatlich-dirigistische Mechanismen taugten nicht. Eine neue Partnerschaft zwischen Zivilgesellschaft und Staat sei angesagt.
Freiwilligkeit habe eine neue Dimension bekommen. Auch Deutschland werde davon erfasst werden. Unsere Demokratie könne davon profitieren. Freiwilliges Handeln müsse freilich auch kompetent sein. Oft liege die Kompetenz bei denen, die über Engagement, aber gerade nicht über große finanzielle Mittel verfügen. Sie bildeten den Kern der Zivilgesellschaft und dürften von den Philanthropen nicht an die Wand gedrückt werden.

Man kann die Worte des Direktors des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin nur unterstreichen – auch wenn mir das Pathos nicht ganz so liegt – vor allem die durchschimmernde Sorge, dass mit Hilfe des großen Geldes das Gute gekauft, Expertentum aber vernachlässigt wird. Es ist ein alter Irrtum, dass sich menschliche Entwicklung kaufen lässt. Die Maxime aus den Siebzigerjahren etwa, dass die Industrieländer 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens bzw. Bruttosozialprodukts für öffentliche Entwicklungshilfe aufwenden sollen, führt in die Irre. Es kommt auf die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit vor Ort und den Willen der Hilfeempfänger an, sich selbst zu entwickeln und nicht zu Lasten der Menschen außerhalb ihrer Clans zu bereichern.

Es ist schon bezeichnend, dass sich die Milliardäre bei der Zuteilung ihrer Spenden weitgehend auf vorhandene staatliche und NGO-Strukturen stützen müssen. Natürlich könnte es sein, dass sie eines Tages eigene Wohltätigkeitsfirmen aufbauen und das Gute, das sie vollbringen wollen, selbst steuern. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sie genügend Verständnis und Geduld für das Funktionieren des Hilfemarktes aufbringen werden, dass sie die Mischung aus Selbstgefälligkeit, Aufopferungsbereitschaft, Bereicherung, Perfektionismus und platten Intrigen in den Griff bekommen werden, wenn sie einmal auf Heere von Freiwilligen angewiesen sind, die sie nicht per Befehl aus der Konzernzentrale steuern können, auf Menschen mit hoher Kompetenz, aber auch auf Blender, die ihnen bis in hohe Positionen dazwischenschlüpfen.

Trittbrettfahrer

10. August 2010

Der Deutsche Fundraising Verband (DFRV) diskutiert seit langem, ob er Fachverband werden oder Berufsverband bleiben soll. Berufsverband hin, Fachverband her. Welche Nachteile hat man eigentlich, wenn man nicht oder nicht mehr DFRV-Mitglied ist?  Zu meiner Zeit als Vorsitzender habe ich nicht nur die Namen der Eintretenden veröffentlicht, sondern auch die der Austretenden, meist mit Begründung: z.B. Austritt, Ausschluss, Berufsaufgabe, Berufswechsel, Wegzug ins Ausland, Tod. Mit dieser Transparenz haben meine Nachfolger Schluss gemacht, mit der Folge, dass Ausgetretenen und Ausgeschlossenen keine Nachteile entstehen, wenn sie sich den Beitrag sparen. Sie halten weiter Vorträge bei DFRV-Kongressen und Fachtagungen, zehren vom Know-how in Regional-, Fachgruppen und -ausschüssen, bekommen kostenlose PR in DFRV-Publikationen, veröffentlichen dort weiter Artikel, geben Interviews in DFRV-Publikationen und erteilen dem Verband gute Ratschläge. Wenn der einzige Vorteil der Mitgliedschaft darin besteht, ein paar Euro bei Fachveranstaltungen zu sparen, die eh von der Firma gezahlt werden, wird die Mitgliederzahl kaum nennenswert steigen. Gewerkschaften können ein Lied davon singen.

Der Verband braucht sich keine Gedanken zu machen, welche Vorteile eine Mitgliedschaft haben könnte, wenn Mitgliedschaft kein Privileg ist.