… die doch so sicher leben

Uff. Ich habe es geschafft, Jens Uwe Böttchers Debütroman „… die doch so sicher leben“ ganz zu lesen. Ein gelungenes Werk, kann ich nur sagen, trotz einiger Längen. Auch begabte Debütanten sollten nicht alle Gedanken, die herauswollen, gleich ins erste Buch packen. 471 Seiten, die der Verlag Manfred Simmering für angemessen hielt, haben zum Druck in Kleinschrift auf großem Buchformat geführt. Das verlangsamt das Lesen. Schade, denn das Buch muss man eigentlich ohne Unterbrechungen lesen, um dem Handlungsstrang und den facettenreich geschilderten Personen folgen zu können.

Das Buch ist ein Krimi, der mit dem Auffinden der bestialisch ermordeten hessischen Ministerpräsidentin auf einer Etagentoilette beginnt, und das kurz vor einer Bundestagswahl. Der Aufklärung des Falls nehmen sich auf Bitten des machtbewussten Bundesinnenministers neben regulärer Polizei ein suspendierter Kriminalbeamter und eine Freundin der Ermordeten an. Bis zum überraschenden Ende gibt es viel Stoff für lange Dialoge und etwas Handlung. Der Autor fesselt mit interessanten Wendungen, guter Menschenkenntnis und interessanten Charakteren, die er schlüssig entwickelt. Darüber verzeiht man dem Autor seinen abgrundtiefen Zynismus gegenüber praktischer Politik, den ich selbstverständlich nicht teile. Am Ende bleibt Raum für eine Fortsetzung, die auch etwas kürzer ausfallen könnte, wenn der Autor wieder Zeit für seine berufliche Tätigkeit benötigt.

Böttcher ist Leiter des ForumPhilanthropie an der Universität Bremen, das sich besonders der Erforschung philanthropischen Wirkens und der Fundraising-Fortbildung widmet. Er ist ein ausgewiesener Experte des Bildungsfundraisings und hat als Mitglied des Deutschen Fundraising-Verbands auch seine Spuren im Bereich Ethik hinterlassen.

Böttcher könnte eigentlich jetzt Schriftsteller bleiben, sich eine Fangemeinde erschreiben und Altkommissar Wuhlow zur Dauerfigur machen. Wie wär’s etwa mit Wuhlow und „Der Spendensammler“ über einen pädophilen Kaufmann aus Ingolstadt, der extra eine Kirche gründet, um als Missionspater auf Sri Lanka mit Hilfe zahlloser ahnungsloser Wohltäter …

Aber, bitte bitte, lieber Jens, lass die Fundraiser dabei besser wegkommen als Deine Politiker.

Und nun der Werbehinweis: Unbedingt lesen! Böttcher, Jens Uwe: Die doch so sicher leben. 517 Seiten, 2009, Euro 16,80, ISBN 978-3-927723-75-7.

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3 Antworten to “… die doch so sicher leben”

  1. Jens Uwe Böttcher Says:

    Ich hab’s mir hinter die Löffel geschrieben, lieber Christoph. Allerdings wird’s mit dem Wuhlow nicht mehr klappen. Als Jurist konnte ich diesen Rechtsbrecher, so sehr er mir in Teilen ans Herz gewachsen war, nicht überleben lassen; da war ich konsequenter als weiland der Doktor Frankenstein. Aber die Leni ist ja noch da und quicklebendig, und wenn sie ihre Vergangenheitsbeweältigung erst einmal hinter sich hat, dürfte sie durchaus für weitere Überraschungen gut sein.

  2. Dr. Christoph Müllerleile Says:

    Ja, aber Wuhlow ist doch gar nicht tot. Instinktiv hat er sich rechtzeitig aus dem Leichenwagen fallen lassen, als der Laster hinter ihm war. Lies mal nach, wie Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes wiederauferstehen ließ, nachdem der mit Dr. Wilson in eine Schlucht gestürzt war.

  3. Jens Uwe Böttcher Says:

    Der Verweis auf Sir A. C.D. ist nicht schlecht. Ich werd’s, wie weiland Maria, in meinem Herzen bewegen, wobei ich mich mit meiner Handlung freilich nur ungern allzu sehr verbiegen möchte. Aber vielleicht ergibt sich doch eine Möglichkeit…
    Was mich aber fast noch mehr interessiert ist die Idee, einen Krimi rund ums Fundraising zu schreiben. Dazu gibt es mittlerweile (leider, leider!) einige ‚herrliche‘ Beispiele, auch und besonders aus den USA. Bei dem vorliegenden Buch konnte ich das Thema Fundraising nur am Rande mit einbauen, nämlich beim Tierheim in Wiesbaden, aber ich übe ja weiter.

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