„Wir sind eine Einrichtung, die Geld vernichtet“

Reinhard Mohn ist am 3. Oktober im Alter von 88 Jahren gestorben. Der Bertelsmann-Patriarch hat versucht, Gewinnstreben und ethischen Anspruch zu vermählen, wie „Spiegel online“ schreibt. Einen Eindruck davon lieferte der Gründungspräsident der Privatuniversität Witten/Herdecke, Dr. Konrad Schily, am 26. April 2007 in seinem Vortrag  auf dem Deutschen Fundraising Kongress in Fulda. „Manchmal gibt es ein heftiges vordergründiges Wort, aber auch das kann zum Positiven führen,“ berichtete er. „Irgendwann schickte mir <der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank> Alfred Herrhausen  so eine Kurznotiz, ‚Witten/Herdecke scheint unordentlich abgerechnet zu werden, Herr Schily ändern Sie das. Gruß Herrhausen‘. Dann habe ich mich natürlich gefragt, wer ihm das gesteckt hat. Dass es unordentlich war bei uns im zweiten Jahr des Bestehens, das wusste ich auch. Aber ich wusste, wenn Herrhausen so einen Brief schreibt, und das nur in zwei Zeilen, wenn er nicht einmal schreibt mit ‚herzlichem‘ oder ‚freundlichem‘ Gruß sondern nur ‚Gruß Herrhausen‘, dann ist es ernst. Dann habe ich herumgefragt, und dann kam heraus: Es war Reinhard Mohn, der im Beirat der Deutschen Bank saß. Mit Reinhard Mohn hatte ich keine Beziehung, aber Reinhard Mohn hatte sich das alles von außen angeguckt und dem Herrhausen dann gesagt: Also ich verstehe nicht, dass Sie das so fördern; es ist alles ganz unordentlich. Und Herr Herrhausen hörte sehr stark auf Mohn, daher also der Zweizeiler.

Ich bekam dann heraus, dass Reinhard Mohn als Mitglied der Zeit-Stiftung – damals noch zu Lebzeiten von Bucerius – einen Vortrag eines Mitarbeiters von mir gehört hatte, und dieser Mitarbeiter war unerfahren im Fundraising. Er kam aus der Geschäftswelt. Der versuchte, dieser Stiftung irgendwie etwas zu verkaufen, denn er hatte ja bisher immer verkauft und nicht um Schenkungen geworben. Und Reinhard Mohn hatte natürlich gefragt: Was will der mir verkaufen? Das Urteil war: Da stimmt was nicht!

Nun ich habe bei Herrn Mohn angerufen. Seine Sekretärin hieß damals Kummer. Es war nicht leicht, Frau Kummer zu überzeugen, dass ich jetzt einen Termin brauchte. Und dann – lassen Sie mich das einschieben – braucht man Glück, wenn man in einem solchen Geschäft ist. Jeder, auch der Geschäftsmann, braucht Glück. In jeder Biographie werden Sie von glückhaften Momenten lesen. Diese glückhaften Momente treten nur dann ein, wenn man mit dem Willen ganz bei der Sache ist. <…>
Ich hatte also endlich meinen Termin mit Herrn Mohn. Es war wärmer als heute, so 30 Grad, und es war absoluter Pollenflug, und ich wusste, dass Herr Mohn gegen Pollen ziemlich allergisch ist. Ich fuhr von Witten aus nach Gütersloh, das sind so 100 Kilometer, und geriet vor Gütersloh in einen Militärtransport, der bewegte sich so langsam, wie Militärtransporte sich eben bewegen. Und die eingebaute halbe Stunde Pufferzeit verrann. Es gab noch keine Handys; man konnte nicht mal eben so telefonieren, ich hatte auch kein Autotelefon, und ich wusste: Du wirst zu spät kommen! Mein Gefühl war, wenn du jetzt eine halbe Stunde zu spät kommst, dann brauchst du gar nicht mehr hinzugehen. Wir sind eben unordentlich.

Ich kam also etwa fünfzig Minuten zu spät. Klimaanlage gab es auch nicht. Ich war total verschwitzt, rannte dann in dieses sehr noble Gebäude, wurde von einer wunderbaren Dame begrüßt am Empfang, die sagte: „Ich weiß nicht, ob Sie noch einen Termin bei Herrn Mohn kriegen, er hat alle seine Leute weggeschickt, aber bevor Sie dahin gehen, da rechts hinten können Sie Hände waschen und sich ein bisschen frisch machen.“ Dann bin ich zu Frau Kummer raufgerannt und habe gesagt: Militärtransport und ach du je und so weiter. Und dann sah ich noch ein Schild „Nichtraucher“ an der Tür von Herrn Mohn. Ich bin leidenschaftlicher Raucher und dachte, es kann alles nur schief gehen.

Frau Kummer sagte dann Bescheid, dass ich da sei. Herr Mohn kam heraus und sagte: Ja eigentlich sei der Termin ja nun vorbei, und er hätte seine Mitarbeiter auch alle weggeschickt. Worauf ich sagte: ‚Also Herr Mohn ich wollte ja nicht mit ihren Mitarbeitern reden, ich wollte mit Ihnen reden.‘ Und das war das absolute Glück, jetzt war das Eis gebrochen. Ich hatte ihm vorher noch Papiere geschickt, Planungspapiere, und nach dem zweiten oder dritten Satz von mir hob er diese Papiere hoch, ließ sie wieder fallen und sagte: ‚Das ist keine Planung‘. Dann dachte ich: Jetzt bist du in der Industrie, und jetzt kommt der mit Planung. Dann habe ich ihn gefragt: ‚Sagen Sie, Herr Mohn, was verstehen Sie jetzt unter Planung?‘ Habe ihm so ein bisschen erzählt, was ich bisher gemacht habe, und Krankenhaus ist auch ein bisschen kompliziert, und dann erläuterte er mir auf einem Handzettel, wie eigentlich ein solches Geschäftsmodell aussieht, wenn man eine Idee in die Welt bringt. Worauf ich ihm sagte: ‚Lieber Herr Mohn, Sie haben mir das jetzt so gut erklärt, bringen Sie uns das doch allgemein bei.‘ Da hat er gefragt: ‚Das würden Sie wollen?‘ Ich sagte: ‚Ja, mit Ihnen immer, aber bitte nicht mit Ihrem Konzern, denn wir sind kein Geschäft, wir sind eine Einrichtung, die Geld vernichtet.‘ <…>

Noch eine Geschichte die mir einfällt mit Reinhard Mohn. Reinhard Mohn und die Universität hatten dann anderthalb oder zwei Jahre zusammengearbeitet, und Reinhard Mohn hatte bis dahin keine D-Mark gespendet. Und irgendwann habe ich gesagt: ‚Herr Mohn, Sie wissen doch, dass ich ein Anthroposoph bin.‘ Da sagt er: ‚Ich weiß das, aber ich weiß nicht was das ist.‘ Dann sagte ich: ‚Es spielt auch keine Rolle. Es sind nette Leute, so wie ich. Aber der Steiner, der die Anthroposophen gegründet hat, der wusste, wo das Ich des Menschen sich befindet.‘ ‚Da bin ich aber gespannt,‘ meinte Mohn. Da sagte ich: ‚Herr Mohn, im Portemonnaie, denn was ich will, dafür zahle ich.‘ Worauf er mich anguckte und sagte: ‚Sind 50.000 D-Mark im Monat genug?‘ Es sind nachher mehr geworden.“

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