Archive for Oktober 2009

Verluste

21. Oktober 2009

Wenn ich so die Mitgliederliste des Fundraising Verbands vom April 2009 mit der Anfang 2007 vergleiche, fehlen heute ein paar bedeutende Namen, zum Beispiel Anette Brücher-Herpel, Vorstandsmitglied und Fachgruppenvorsitzende, Dr. Peter-Claus Burens, ehemaliger Vorsitzender, Ursula Kapp-Barutzki, Gründungs- und langjähriges Vorstandsmitglied, die gefragten Experten Willibald Geueke und Arne Kasten, Patrick Tapp, langjähriges Vorstandsmitglied … So bald wie möglich sollte man sie wieder ins Boot holen. Mitgliederbindung ist schließlich unser Geschäft.

Drangvolle Enge

15. Oktober 2009

Bin gerade mit meinem Versuch gescheitert, nach drei Jahren mal wieder einen Vortrag auf dem Fundraising-Kongress zu halten. „Im Rahmen der Programmzusammenstellung haben wir  aus fast 60 Vorschlägen zehn  Veranstaltungen für den Kongress ausgewählt. Leider ist Ihr Paper nicht in die engere Wahl gekommen,“ flötet es aus dem Kongressbüro. „Wir würden uns sehr freuen, Sie dennoch beim Kongress begrüßen zu dürfen.“ Natürlich werde ich den Herrn vom Kongressbüro mit seiner Freude alleine lassen müssen. Wenn sich geschätzte 600 zahlende Teilnehmer in zehn Veranstaltungen quetschen, herrscht sowieso drangvolle Enge.

Informieren wollte ich über das Thema „Täglich eine halbe Stunde  – So bleibt man über alles informiert.“ Fundraiserinnen und Fundraiser haben wenig Zeit, sich über ihr Fachgebiet auf dem laufenden zu halten, wenn sie im Job sind. Selbst auf Akademien, Seminaren und Kongressen erworbenes Wissen altert rasch. Nach wie vor gilt: Wer die Erfahrungen anderer nützt und eigene weitergibt, sich an den richtigen Stellen vernetzt und informiert und hin und wieder auch einen Blick auf die Wissenschaft wirft, erspart sich viel unnötige Arbeit, kann gegenüber Vorständen und Auftraggebern überzeugender argumentieren und erzielt bei Spendern und Sponsoren sichere Erfolge.
Wie kann man sich zeitsparend informieren? Welche Bücher, Fachzeitschriften, Internetseiten, Blogs, Netzwerke sollte man regelmäßig nutzen, was kann man sich ersparen? Welche englischsprachigen Angebote lohnen die Mühen regelmäßiger Lektüre? Wo recherchiert man, um  Fachinformationen rasch und autoritativ zu bekommen? Welche Kollegen-Emails beantwortet man am Besten ausführlich?  Wenn man es richtig macht, reicht eine halbe Stunde täglich aus, bestens informiert und vernetzt zu sein.
Zum Vortrag wollte ich aus einer eigenen Umfrage unter Fundraising-Experten berichten, um neben seiner eigenen möglichst viele Meinungen und Erfahrungen einzubringen. Nun ja, vielleicht ein andermal – an anderer Stelle.

„Wir sind eine Einrichtung, die Geld vernichtet“

4. Oktober 2009

Reinhard Mohn ist am 3. Oktober im Alter von 88 Jahren gestorben. Der Bertelsmann-Patriarch hat versucht, Gewinnstreben und ethischen Anspruch zu vermählen, wie „Spiegel online“ schreibt. Einen Eindruck davon lieferte der Gründungspräsident der Privatuniversität Witten/Herdecke, Dr. Konrad Schily, am 26. April 2007 in seinem Vortrag  auf dem Deutschen Fundraising Kongress in Fulda. „Manchmal gibt es ein heftiges vordergründiges Wort, aber auch das kann zum Positiven führen,“ berichtete er. „Irgendwann schickte mir <der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank> Alfred Herrhausen  so eine Kurznotiz, ‚Witten/Herdecke scheint unordentlich abgerechnet zu werden, Herr Schily ändern Sie das. Gruß Herrhausen‘. Dann habe ich mich natürlich gefragt, wer ihm das gesteckt hat. Dass es unordentlich war bei uns im zweiten Jahr des Bestehens, das wusste ich auch. Aber ich wusste, wenn Herrhausen so einen Brief schreibt, und das nur in zwei Zeilen, wenn er nicht einmal schreibt mit ‚herzlichem‘ oder ‚freundlichem‘ Gruß sondern nur ‚Gruß Herrhausen‘, dann ist es ernst. Dann habe ich herumgefragt, und dann kam heraus: Es war Reinhard Mohn, der im Beirat der Deutschen Bank saß. Mit Reinhard Mohn hatte ich keine Beziehung, aber Reinhard Mohn hatte sich das alles von außen angeguckt und dem Herrhausen dann gesagt: Also ich verstehe nicht, dass Sie das so fördern; es ist alles ganz unordentlich. Und Herr Herrhausen hörte sehr stark auf Mohn, daher also der Zweizeiler.

Ich bekam dann heraus, dass Reinhard Mohn als Mitglied der Zeit-Stiftung – damals noch zu Lebzeiten von Bucerius – einen Vortrag eines Mitarbeiters von mir gehört hatte, und dieser Mitarbeiter war unerfahren im Fundraising. Er kam aus der Geschäftswelt. Der versuchte, dieser Stiftung irgendwie etwas zu verkaufen, denn er hatte ja bisher immer verkauft und nicht um Schenkungen geworben. Und Reinhard Mohn hatte natürlich gefragt: Was will der mir verkaufen? Das Urteil war: Da stimmt was nicht!

Nun ich habe bei Herrn Mohn angerufen. Seine Sekretärin hieß damals Kummer. Es war nicht leicht, Frau Kummer zu überzeugen, dass ich jetzt einen Termin brauchte. Und dann – lassen Sie mich das einschieben – braucht man Glück, wenn man in einem solchen Geschäft ist. Jeder, auch der Geschäftsmann, braucht Glück. In jeder Biographie werden Sie von glückhaften Momenten lesen. Diese glückhaften Momente treten nur dann ein, wenn man mit dem Willen ganz bei der Sache ist. <…>
Ich hatte also endlich meinen Termin mit Herrn Mohn. Es war wärmer als heute, so 30 Grad, und es war absoluter Pollenflug, und ich wusste, dass Herr Mohn gegen Pollen ziemlich allergisch ist. Ich fuhr von Witten aus nach Gütersloh, das sind so 100 Kilometer, und geriet vor Gütersloh in einen Militärtransport, der bewegte sich so langsam, wie Militärtransporte sich eben bewegen. Und die eingebaute halbe Stunde Pufferzeit verrann. Es gab noch keine Handys; man konnte nicht mal eben so telefonieren, ich hatte auch kein Autotelefon, und ich wusste: Du wirst zu spät kommen! Mein Gefühl war, wenn du jetzt eine halbe Stunde zu spät kommst, dann brauchst du gar nicht mehr hinzugehen. Wir sind eben unordentlich.

Ich kam also etwa fünfzig Minuten zu spät. Klimaanlage gab es auch nicht. Ich war total verschwitzt, rannte dann in dieses sehr noble Gebäude, wurde von einer wunderbaren Dame begrüßt am Empfang, die sagte: „Ich weiß nicht, ob Sie noch einen Termin bei Herrn Mohn kriegen, er hat alle seine Leute weggeschickt, aber bevor Sie dahin gehen, da rechts hinten können Sie Hände waschen und sich ein bisschen frisch machen.“ Dann bin ich zu Frau Kummer raufgerannt und habe gesagt: Militärtransport und ach du je und so weiter. Und dann sah ich noch ein Schild „Nichtraucher“ an der Tür von Herrn Mohn. Ich bin leidenschaftlicher Raucher und dachte, es kann alles nur schief gehen.

Frau Kummer sagte dann Bescheid, dass ich da sei. Herr Mohn kam heraus und sagte: Ja eigentlich sei der Termin ja nun vorbei, und er hätte seine Mitarbeiter auch alle weggeschickt. Worauf ich sagte: ‚Also Herr Mohn ich wollte ja nicht mit ihren Mitarbeitern reden, ich wollte mit Ihnen reden.‘ Und das war das absolute Glück, jetzt war das Eis gebrochen. Ich hatte ihm vorher noch Papiere geschickt, Planungspapiere, und nach dem zweiten oder dritten Satz von mir hob er diese Papiere hoch, ließ sie wieder fallen und sagte: ‚Das ist keine Planung‘. Dann dachte ich: Jetzt bist du in der Industrie, und jetzt kommt der mit Planung. Dann habe ich ihn gefragt: ‚Sagen Sie, Herr Mohn, was verstehen Sie jetzt unter Planung?‘ Habe ihm so ein bisschen erzählt, was ich bisher gemacht habe, und Krankenhaus ist auch ein bisschen kompliziert, und dann erläuterte er mir auf einem Handzettel, wie eigentlich ein solches Geschäftsmodell aussieht, wenn man eine Idee in die Welt bringt. Worauf ich ihm sagte: ‚Lieber Herr Mohn, Sie haben mir das jetzt so gut erklärt, bringen Sie uns das doch allgemein bei.‘ Da hat er gefragt: ‚Das würden Sie wollen?‘ Ich sagte: ‚Ja, mit Ihnen immer, aber bitte nicht mit Ihrem Konzern, denn wir sind kein Geschäft, wir sind eine Einrichtung, die Geld vernichtet.‘ <…>

Noch eine Geschichte die mir einfällt mit Reinhard Mohn. Reinhard Mohn und die Universität hatten dann anderthalb oder zwei Jahre zusammengearbeitet, und Reinhard Mohn hatte bis dahin keine D-Mark gespendet. Und irgendwann habe ich gesagt: ‚Herr Mohn, Sie wissen doch, dass ich ein Anthroposoph bin.‘ Da sagt er: ‚Ich weiß das, aber ich weiß nicht was das ist.‘ Dann sagte ich: ‚Es spielt auch keine Rolle. Es sind nette Leute, so wie ich. Aber der Steiner, der die Anthroposophen gegründet hat, der wusste, wo das Ich des Menschen sich befindet.‘ ‚Da bin ich aber gespannt,‘ meinte Mohn. Da sagte ich: ‚Herr Mohn, im Portemonnaie, denn was ich will, dafür zahle ich.‘ Worauf er mich anguckte und sagte: ‚Sind 50.000 D-Mark im Monat genug?‘ Es sind nachher mehr geworden.“

Eduard Zimmermann und der Weiße Ring

2. Oktober 2009

Am 19. September ist Eduard Zimmermann in München in einem Altersheim gestorben. Ich war 1976/77 in der Deutschen Kriminal-Fachredaktion, seiner Firma im Mainzer Stadtteil Finthen, persönlicher Assistent und Sendungsredakteur, bevor mich die CDU nach Bonn ins Konrad-Adenauer-Haus lockte.

Just in diese Zeit fiel die Gründung des „Weißen Rings“, der 1976 zunächst als „Weißes Kreuz“ beim Amtsgericht Mainz eingetragen wurde. Bei einem Blick in ein Lexikon stellte eines der damaligen Vorstandsmitglieder dann fest, dass das Weiße Kreuz schon für einen evangelischen Erweckungsverein stand, der zwar weitgehend unbekannt war, sich aber gegen eine bundesweite Organisation gleichen Namens mit Sicherheit zur Wehr gesetzt hätte. Bernd Funke,  Ehemann der Redaktionssekretärin und Redakteur der „Allgemeinen Zeitung“ in Mainz, kam auf den Namen „Weißer Ring“, und Zimmermanns Stellvertreter Peter Hohl malte gleich das Vereinssymbol auf ein Blatt Papier, das bis heute benutzt wird. Der Ring war auch viel neutraler als das christliche Kreuz.

Dass der Geschäftsmann Eduard Zimmermann einen gemeinnützigen Verein gründete, löste bei uns Redakteuren Stirnrunzeln aus; wir hatten den Eindruck, er wolle mit dem Verein seine langlebigen Sendungsreihen „Aktenzeichen XY…ungelöst“ und „Vorsicht Falle“ vor Kritikern, die es auch innerhalb des ZDF gab, retten. Dass daraus eine erfolgreiche Opferhilfeorganisation wurde, ist eine Erfolgsstory für sich. Zimmermann hoffte auf 10.000 Mitglieder. Der Verein hat heute rund 60.000 und sich sogar auf einige europäische Nachbarländer ausgedehnt.

Zimmermann gelang es, eine stattliche Riege von Polizeipräsidenten, Oberstaatsanwälten und höheren Ministerialbeamten um sich zu sammeln, die später auch im Ruhestand zur Verfügung standen und das Werk für die Sicherheitsbehörden seriös machten. Zimmermann brachte seine Prominenz als Fernsehmoderator, Buchautor und gelegentlicher Redner ein. Achtzehn Jahre lang führte er selbst den Vorsitz und wurde danach Ehrenvorsitzender. Im Oktober 2000 lieferte er gemeinsam mit dem Mitbegründer, Baden-Württembergs ehemaligem Polizeipräsidenten Alfred Stümper, dem damaligen Vorsitzenden Max Herberg  wegen angeblichem Spendenmissbrauchs eine Schlammschlacht. Die Delegierten beendeten das Vorstandsmandat von allen Dreien und erkannten Zimmermann den Ehrenvorsitz ab. Daraufhin trat er aus dem Verein aus. Eine wahrhaft tragische Wendung. In den offiziellen Analen des Vereins wird der Gründer eher verschämt erwähnt, das Zerwürfnis kaum erwähnt.

Zimmermann konnte ein begnadeter Spendensammler sein, wenigstens in den Anfängen des „Weißen Rings“; später finanzierte sich der Verein fast von alleine, schon durch die steigende Mitgliederzahl. Anfangs aber nutzte er Prominente als Türöffner, brachte natürlich auch seine eigene Bekanntheit mit ein. Aus eigenem Antrieb schrieb der damalige Sprecher der Deutschen Bank, Friedrich Wilhelm Christians, Briefe an Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, zum Beispiel Thyssen und Mannesmann, mit der Bitte, Eduard Zimmermann ein paar Minuten ihrer Zeit zu widmen. Zimmermann suchte sie auf und nahm von jedem eine ganz ordentliche Summe mit, reale Spenden, mit denen der Verein seine Geschäftsstelle aufbauen und Mitarbeiter einstellen konnte. Dann brauchte nur noch in der Sendung kräftig für den Opferhilfeverein geworben zu werden und die Polizei dafür zu sorgen, dass der Kontakt zu den örtlichen Beauftragten des Weißen Rings nicht abriss, und schon hatte der Verein fast ein bundesweites Monopol, das von keiner Parallel- oder Gegengründung, von denen es einige gab, mehr eingeholt wurde.

Mitverantwortlich für den Erfolg des Vereins war auch der langjährige Generalsekretär Dieter Eppenstein, der vom Roten Kreuz zum Weißen Ring kam und später in den Strudel der Auseinandersetzungen um Zimmermann geriet und mehr oder minder freiwillig ausschied. Eppenstein wurde auch als streitbarer und umstrittener Vorsitzender des Deutschen Spendenrats bekannt. CM