Auch auf Kongressen am Besten zum Pratiker gehen

„Praxiserfahrungen im Fundraising mit Marktforschung“ war das Thema eines lohnenden Vortrags von Gerhard Wallmeyer gestern beim „Fundraising-Seminar“ von Enter im Frankfurter Ökohaus. Er zeigte einmal mehr, dass es sich bei Seminaren, Fachtagungen und Kongressen lohnt, zum Praktiker zu gehen und Agenturvorträge eher mit Vorsicht zu buchen. Nichts ist so lehrreich wie die Praxis und nichts so ernüchternd. Auch Peter Maier-Schwier hätte dazu einiges sagen können, denn er ist Praktiker. Er führte eine der besten Fundraising-Softwares vor, die es auf dem deutschen Markt gibt, verschwieg aber als Dienstleister tunlichst, was er über katastrophale Erfahrungen seiner Kunden mit Softwareangeboten der Konkurrenz so alles erfährt. Auch keinem seiner Kolleginnen und Kollegen von der Agentur- und Dienstleistungsbranche wird je etwas Negatives über die Lippen kommen, wenn sie über das ideale Spendermailing und über das Markenverständnis der NPOs reden. Indiskretion zahlt sich nicht aus, wenn man verkaufen will, wäre aber manchmal hilfreich. Die Wahrheit über irrlichternde Vorstände, in den Sand gesetzte IT-Experimente, verlorene Spenderdaten, Kämpfe um ein einfaches P.S. unter einem Fundraising-Brief habe ich immer nur von erfolgreichen Praktikern gehört.

Ganz schlimm ist das in Noordwijkerhout beim International Fundraising Congress, wo sich die anglophonen Agentur-Gurus mit Vortrags-Entertainment überbieten, während die Tierschützerin aus Australien an ihrem Vortrag über Erfahrung mit Listbrokern herumstottert, aber mehr Praxisorientierung bietet als ein halbes Dutzend Fundraising-Shows. Wahrscheinlich bleibt das ihr einiger Vortrag vor einem solchen Forum, aber auch der einzige, der den Weg nach Holland wirklich lohnt. Positiv habe ich einen Vortrag von Lothar Schulz im Leeuwenhorst Anfang der Neunzigerjahre in Erinnerung, als er  für die Alsterdorfer Anstalten tätig war, während ich bei den Top bewerteten Gurus mit den vielen schönen Bonmots und bunten Bildern schon Minuten nach dem beifallumtosten Ende nicht mehr wusste, was ich damit im grauen NPO-Alltag anfangen sollte.

Mein Rat also für Fulda und Ähnliches: Gleich auf die Workshops und Vorträge der Praktiker stürzen, selbst wenn man dann, wie bei Wallmeyer, auf der Leinwand mit Rolltext-Prosa  statt mit hüpfenden Grafiken gefüttert wird.

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2 Antworten to “Auch auf Kongressen am Besten zum Pratiker gehen”

  1. Jo Klemens Says:

    Ganz so schlimm sehe ich diese „Fundraising-Gurus“ und ihre Show nicht. Ist doch unterhaltsam! Wir wissen doch alle, das Noordwijk schon immer eher wenig praxisrelevant für das Fundraising in Deutschland war. Leider gibt es in unserer Branche zuviele, die sich an eine dröge Powerpoint-Präsentation klammern, statt mit Praxiswissen auch mal Ross und Reiter nennen und geneigt von eigenen Fehler zu sprechen. Fragen wir heute mal Verteter von Agenturen, aber auch uns Fundraiser selbst, dann bekommen wir garantiert die Antwort: „Danke, es geht uns SUUUPER“ – Irgendwann erfindet noch jemand eine Steigerungsform für „Super“. Und – vielleicht verzichten wir dann in Fulda mal auf „Keynote-Speaker“ und schaffen mehr Foren für Praktiker, statt praxisferner „Verwissenschaftlichung“.

  2. fundraisingbeobachter Says:

    Ich kann Ihnen nur zustimmen. Ich empfinde den Zwang zu PowerPoint-Präsentationen als Übel. Die gekonnten Präsentationen unterschlagen häufig die Zwischentöne, die nicht gekonnten langweilen. Manchmal wäre es besser, einfach off the record aus dem Nähkästchen zu plaudern und die Zuhörer zu bitten, keine Mitschnitte zu machen. Foren für Praktiker wären das Beste, was Fulda passieren könnte, Verwissenschaftlichung in der Tat das Schlechteste. Wissenschaft gehört in gesonderte Veranstaltungen für wissenschaftlich Interessierte.
    Dass niemand so recht die Wahrheit über seinen beruflichen Erfolg oder den seines Business sagt, liegt daran, dass sich niemand als Looser sehen will. Das ist menschlich verständlich, denn die Kunden lassen sich ja auch ungern von Leuten beraten, die scheinbar versagt haben. Ich selbst würde heute eher Leute mit leisen Tönen und ehrlicher Analyse beauftragen als Blendern. Wir haben in der Wirtschaft gesehen, wohin Blenden führt. Wenn dann die Blender sogar noch dicke Boni bekommen, läuft was schief. Ich finde es richtig, wenn sich solche Leute wenigstens nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen dürfen.

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