Archive for September 2009

Peter Scholl-Latour und die Wohltätigkeit

24. September 2009

„Aber ich kann mich schon entrüsten. Zum Beispiel, wenn ich diese karitativen Gesellschaften sehe, die auf Benefizveranstaltungen ihre Diamanten, ihren Reichtum zur Schau stellen – das schockiert mich zutiefst. Da gibt es viel Heuchelei. Da würde ich niemals hingehen. Ich bin auch zu dem Schluss gekommen, dass sich jedes Land, jedes Volk selbst helfen muss.“ Zitat aus einem Interview von bild.de, veröffentlicht am 9.3.2009, mit PeterScholl-Latour zu dessen 85. Geburtstag. Schwierig für uns Fundraiser. Wir müssen die Diskussion über den Sinn von Entwicklungshilfe führen, denn es kann sein, dass unser Werben immer mehr auf taube Ohren stößt. Die Katastrophen wiederholen sich, die Bevölkerung wächst, nichts scheint sich zu verändern. Aus den Entwicklungsländern kommen schon lange Botschaften wie „Lasst uns endlich in Ruhe“. Desillusionierte Entwicklungshelfer wissen schon lange, dass sich nach dem Rückzug aus Projekten häufig nichts mehr tut. Leider gibt es niemanden in Deutschland, der autoritativ sagen kann, ob der Response auf Mailings für Entwicklungshilfe tatsächlich zurückgeht, weil nur Gleiches mit Gleichem gemessen werden kann. Benchmarking hat sich in Deutschland im Nonprofitbereich nicht durchgesetzt. Ein „Giving USA“, das einigermaßen repräsentativ Auskunft geben könnte, gibt es nicht. GfK könnte etwas dazu sagen; doch die Berichte sind nur zahlenden Interessenten zugänglich ebenso detailliertere Auswertungen des Spendenmonitors, Sonderauswertungen sind teuer.

Die Diskussion über Charity-Bälle brauchen wir nicht zu führen. Vieles wird nicht wegen der guten Sache gegeben, sondern um dem Narzissmus Halbprominenter Öffentlichkeit zu verschaffen, die man ohne Wohltätigkeit nicht bekäme. Andererseits kommen auf diese Weise auch beträchtliche Summen zusammen, allerdings nur für Zwecke, die ohnehin eine hohe Spenderaffinität haben, wie Hilfe für kranke Kinder.

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Kleine Projekte sind die Zukunft des Fundraisings

6. September 2009

Die Welt ist klein geworden; die Fundraisingprojekte auch. Nicht nur die Global Players zählen, sondern auch die zehntausende von Initiativen gegenseitiger Hilfe, wie etwa die Kenia Kinder Hilfe im hessischen Oberursel, die aus einem Urlaub in der kenianischen Tourismusmetropole Mombasa entstand und mittlerweile zwei Schulen, ein Waisenhaus, einen Kindergarten und Werkstätten zur Berufsausbildung eingerichtet hat. Das alles mit 67 Mitgliedern, die das Gründerpaar Lutz und Mathilde Krücke nach Malindi, 120 km von Mombasa an der kenianischen Nordküste gelegen, begleiten, eifrig mit aufbauen helfen, für einen Kenia Jambo Lauf spenden und mit Dorfnamen wie Yembe, Langobaya und Viriko ganz selbstverständlich umgehen. Auch Oberursels Bürgermeister Hans-Georg Brum macht mit. Lutz Krücke hält die Spender durch E-Mails und schöne Fotos aus den Hilfsprojekten bei Laune. Jeder kann hinreisen und sich anschauen, was läuft. Praktikanten, die vor Ort mithelfen wollen, sind willkommen.

Lutz und Mathilde Krücke lassen keine Gelegenheit aus zum fundraisen. Sie gehen am liebsten dahin, wo schon Publikum ist, zum Beispiel am letzten Sonntag zum Tag der Offenen Tür des Landwirtschaftlichen Fördervereins Oberursel und jedes Wochenende zum Maislabyrinth von Landwirt Bickert, durch das Scharen von Eltern mkt Kindern irren, die efrig Fragen über Afrika nachspüren, die auf im Maisfeld verstreuten Infotafeln beantwortet werden.

Informationsstunde im Freien. Die Kinderhilfe hat ein typisches kenianisches Klassenzimmer aus Lehm nachgebaut, und Lutz Krücke zeigt jung und alt Bilder aus den Hilfsprojekten, um die Herzen und die Unterstützung der Besucher des Landwirtschaftstags in Oberursel zu gewinnen.

Kenia Kinder Hilfe Lutz Krücke

Auch auf Kongressen am Besten zum Pratiker gehen

4. September 2009

„Praxiserfahrungen im Fundraising mit Marktforschung“ war das Thema eines lohnenden Vortrags von Gerhard Wallmeyer gestern beim „Fundraising-Seminar“ von Enter im Frankfurter Ökohaus. Er zeigte einmal mehr, dass es sich bei Seminaren, Fachtagungen und Kongressen lohnt, zum Praktiker zu gehen und Agenturvorträge eher mit Vorsicht zu buchen. Nichts ist so lehrreich wie die Praxis und nichts so ernüchternd. Auch Peter Maier-Schwier hätte dazu einiges sagen können, denn er ist Praktiker. Er führte eine der besten Fundraising-Softwares vor, die es auf dem deutschen Markt gibt, verschwieg aber als Dienstleister tunlichst, was er über katastrophale Erfahrungen seiner Kunden mit Softwareangeboten der Konkurrenz so alles erfährt. Auch keinem seiner Kolleginnen und Kollegen von der Agentur- und Dienstleistungsbranche wird je etwas Negatives über die Lippen kommen, wenn sie über das ideale Spendermailing und über das Markenverständnis der NPOs reden. Indiskretion zahlt sich nicht aus, wenn man verkaufen will, wäre aber manchmal hilfreich. Die Wahrheit über irrlichternde Vorstände, in den Sand gesetzte IT-Experimente, verlorene Spenderdaten, Kämpfe um ein einfaches P.S. unter einem Fundraising-Brief habe ich immer nur von erfolgreichen Praktikern gehört.

Ganz schlimm ist das in Noordwijkerhout beim International Fundraising Congress, wo sich die anglophonen Agentur-Gurus mit Vortrags-Entertainment überbieten, während die Tierschützerin aus Australien an ihrem Vortrag über Erfahrung mit Listbrokern herumstottert, aber mehr Praxisorientierung bietet als ein halbes Dutzend Fundraising-Shows. Wahrscheinlich bleibt das ihr einiger Vortrag vor einem solchen Forum, aber auch der einzige, der den Weg nach Holland wirklich lohnt. Positiv habe ich einen Vortrag von Lothar Schulz im Leeuwenhorst Anfang der Neunzigerjahre in Erinnerung, als er  für die Alsterdorfer Anstalten tätig war, während ich bei den Top bewerteten Gurus mit den vielen schönen Bonmots und bunten Bildern schon Minuten nach dem beifallumtosten Ende nicht mehr wusste, was ich damit im grauen NPO-Alltag anfangen sollte.

Mein Rat also für Fulda und Ähnliches: Gleich auf die Workshops und Vorträge der Praktiker stürzen, selbst wenn man dann, wie bei Wallmeyer, auf der Leinwand mit Rolltext-Prosa  statt mit hüpfenden Grafiken gefüttert wird.